Zwischen kultureller Vielfalt und Existenzangst: Die Sorben

Eine farbenfrohe und vielfältige Kultur mitten in Brandenburg, mit eigener Sprache und Bräuchen: Das sorbisch-wendische Volk hat schon in Deutschland gelebt, bevor es den deutschen Nationalstaat gab. Heute ist ihre Kultur stark bedroht. Als anerkannte nationale Minderheit wird der Erhalt ihrer Identität gefördert. Doch was bedeutet es, einer nationalen Minderheit anzugehören?

In Deutschland leben vier Völker, die offiziell als nationale Minderheit anerkannt sind. Eine von ihnen prägt bis heute die Kultur Brandenburgs: Das sorbische Volk. Weitere anerkannte Minderheiten sind die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe und die deutschen Sinti und Roma

Was ist eine anerkannte nationale Minderheit in Deutschland?

Diese Gruppen leben in der Regel seit Jahrhunderten im Land und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie sprechen ihre eigene Sprache, haben eine eigene Kultur und Geschichte – kurz: eine eigene Identität.

Um offiziell als Minderheit anerkannt zu werden, muss eine Bevölkerungsgruppe den Willen zeigen, diese Identität zu bewahren. Um das zu schaffen, werden sie von Bund und Ländern finanziell unterstützt. So können Sprache und Kultur durch beispielsweise Sprachförderung und kulturelle Einrichtungen gefördert und gepflegt werden.

Wer sind die Sorben?

Die Sorben stammen von westslawischen Völkern ab und kamen vor etwa 1.500 Jahren in ein damals noch unbewohntes, knapp 40.000 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen der Ostsee und dem Erzgebirge. Durch Christianisierung, Assimilation und politische Umbrüche ging die Kultur jedoch in vielen Regionen verloren. Viele übernahmen die Sprache und Bräuche der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Besonders die Herrschaft der Nationalsozialisten zwang die Gruppe weiter, ihre eigene Kultur aufzugeben. Als Folge von mangelnder Unterstützung und Zuwanderung während der Nachkriegszeit und der Industrialisierung ging die Zahl der sorbisch sprechenden Menschen in der Lausitz weiterhin stark zurück.

Regionale Unterschiede und Sprache

Heute bekennen sich noch knapp 60.000 Menschen als sorbisch. Sie leben in der Lausitz, ein Gebiet in Brandenburg und Sachsen. Cottbus in Brandenburg gilt dabei als das kulturelle und politische Zentrum der niedersorbischen Sorben, also der Sorben in der Niederlausitz. Für die Oberlausitz und die Gesamtheit der Sorben ist das sächsische Bautzen (sorbisch: Budyšin) die wichtigste Stadt.

Die Ober- und Niedersorben unterscheiden sich nicht nur regional: Auch Sprache, Geschichte und kulturelle Prägung sind individuell. In der Oberlausitz sprechen die Sorben Obersorbisch, in der Niederlausitz Niedersorbisch. In den Grenzregionen gibt es außerdem Übergangsdialekte. Ein weiterer wichtiger Unterschied der beiden Gruppen liegt in ihrer religiösen Zugehörigkeit: Die Niedersorben sind vor allem evangelisch geprägt, während die Obersorben sich größtenteils dem katholischen Glauben zugehörig fühlen. Auch innerhalb der sorbischen Minderheit gibt es also regionale Vielfalt. Heute ist vor allem die niedersorbische Sprache stark bedroht, während die obersorbische Tradition und Kultur sich dank anderer politischer Rahmenbedingungen in Sachsen besser erhalten konnte.

5 Vokabeln für deinen nächsten Ausflug in die Lausitz

Deutsch = Nieder-/ Obersorbisch

Hallo = Witaj

Danke = Dźakuju/ Dźakujem

Tschüss = Nadorženje/ Na wotrowiznjenje / Wotrowizny

Sorben/ Wenden = Serby/ Serbja

Heimat = Domowina

Rechte und Anerkennung als Minderheit

Bund und Länder sind rechtlich dazu verpflichtet, die Existenz, Kultur, Sprache und politische Teilhabe nationaler Minderheiten, und damit auch die der Sorben, zu schützen und zu fördern. Dazu gibt es konkrete Rechtsverordnungen. Die Sorben-Wenden-Schulverordnung legt beispielsweise fest, dass es in Spezialschulen sorbischen Pflichtunterricht geben muss.

Auf kommunaler Ebene tragen auch die Städte in der Heimat der Sorben Verantwortung. So hat Cottbus sich rechtlich und politisch dazu verpflichtet, die sorbisch-wendische Kultur zu schützen, zu erhalten und aktiv zu fördern. Das regelt die Satzung zur Förderung der sorbisch/wendischen Sprache und Kultur. Um den Schutz und die Förderung der Sprache, die Pflege und Unterstützung von Kultur, Brauchtum und Tradition und die Zusammenarbeit mit sorbischen Institutionen sicherzustellen, gibt es außerdem eine offizielle Beauftragte für sorbisch/wendische Angelegenheiten. Doch wie genau sieht diese Förderung aus?

Um die sorbische Sprache und Kultur im Stadtbild sichtbar zu machen, ist die Zweisprachigkeit der Region zum Beispiel auf Straßenschildern abgebildet. Außerdem werden sorbische Institutionen, Museen und Schulen finanziell gefördert.

Orte in der Lausitz für einen Tagesausflug aus Berlin

Cottbus! Das kulturelle Zentrum der Niederlausitz erreichst du in knapp zwei Stunden. Entdecke die zweisprachige Beschilderung und besuche das Wendische Museum.

Lübbenau im Spreewald! Miete ein Kajak und paddel durch die verwunschenen Wälder und traditionellen Dörfer. In einer Stunde erreichst du diese Naturoase mit dem Regio.

Bautzen! Der Geschichte der Obersorben auf der Spur. In knapp drei Stunden erreichst du die Hauptstadt der Obersorben – wenn du im Frühjahr hier bist, kannst du im Sorbischen Museum Ostereier nach sorbischer Tradition gestalten.

Herausforderung vs. Identitätsstiftung

Einer Minderheit anzugehören, bedeutet Herausforderung. Gleichzeitig kann es Identität stiften. Jos Pannasch (sorbisch: Jos Panaš) kommt aus der Oberlausitz und denkt seine sorbische Herkunft neu: Als Drag Queen Angel van Hell (sorbisch: Jandźel van Hell) bringt er die Tradition seiner Familie auf die Bühne.

"Für mich bedeutet sorbisch sein, meine Heimat und Familie immer bei mir zu haben, egal wo ich bin. Es ist ein Stück Geschichte und Kultur, das ich immer bei mir trage und durch mein Schaffen als Drag Queen auf die Bühnen bringen will.!

Sorben als lebendiger Teil der Region

Das Beispiel der Sorben zeigt, wie Mehrsprachigkeit im Alltag aussehen kann und wie kulturelle Traditionen über Jahrhunderte überleben. Es zeigt, wie vielfältig Deutschland ist und wie wichtig es bleibt, Minderheiten aktiv zu schützen. Denn: Die Sorben sind ein lebendiger Teil der Geschichte und Gegenwart ihrer Region. Mit ihren Traditionen, Bräuchen und ihrer Sprache tragen sie aktiv zur Vielfalt der Region bei. Damit bedeutet der Schutz dieser bedrohten Kultur gleichzeitig den Schutz der Kultur Brandenburgs und Sachsens.

Wie diese Traditionen modern weiterleben können, zeigen Jos Panaš alias Jandźel van Hell und das sorbische Kollektiv meta.solis. In unserem Talk Format "Raum für Notizen" berichten sie von ihrer Arbeit. Bald im ALEX Kosmos!

 

Text: Ronja Baudisch

Quellen:

Bundesministerium des Inneren: BMI - Nationale Minderheiten in Deutschland

Der Beauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten - Themen - Sorbisches Volk

UNESCO: Atlas of the world's languages in danger - UNESCO Digital Library

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