Von Advanced Chemistry über Azad bis Haftbefehl: Migrantische Perspektiven prägten den Sound des deutschen Raps von Anfang an. Aber lange mussten sie sich rechtfertigen, erklären und integrieren. Heute gibt es eine Bewegung postmigrantischer Künstler:innen, die sich das nicht mehr gefallen lassen und offen über ihre Lebensrealität zwischen den Kulturen erzählen. Was das mit Migra-Kindern wie unserer Autorin Link Hert macht, erzählt sie im Beitrag.
Die Vorreiter Advanced Chemistry sprachen damals darüber, wie es ist, "Fremd im eigenen Land" zu sein. Apsilon beschreibt die türkisch-deutsche Erfahrung in Berlin Moabit, Ebow thematisiert ihre Queerness in Verbindung mit ihren kurdisch-alevitischen Wurzeln und ZAVET beleuchtet die lange unsichtbare Geschichte der Russlanddeutschen.
Ich selbst bin russlanddeutsche Musikerin und liebe Musik, die persönliche Geschichten erzählt und von der man beim Zuhören etwas lernt. Ich war im Mai 2025 in Berlin bei einer Lesung des Buches "Deutsch genug?" von der russlanddeutschen Autorin und Journalistin Ira Peter. Dort habe ich das erste Mal eine Community anderer Russlanddeutscher kennengelernt, darunter viele in meinem Alter. Auch anwesend war die Künstlerin ZAVET, die in ihrer Musik ihre Wurzeln thematisiert. Ich stand daneben, als sie zu Ira Peter gesagt hat, wie wichtig ihr dieses Thema ist und wie viel Inspiration sie aus dem Buch nimmt.
Die Hip-Hop Bewegung hatte schon immer die Geschichten diskriminierter Menschen im Fokus und resoniert deshalb mit Fans, die selbst Diskriminierung erleben. Russlanddeutsche sind eine Minderheit in Deutschland, von der die Wenigsten wissen. Gleichzeitig sind sie überall in Deutschland vertreten, sogar in der Musikbranche. Sowohl im Rap wie zum Beispiel mit Capital Bra, als auch in anderen Genres wie im Schlager mit Helene Fischer.
"Mit der Vokabel 'postmigrantisch' wird seit einigen Jahren der besondere Lebenshintergrund von Deutschen beschrieben, die Kinder von Einwanderern sind."
Nobrega, Onur. Kunst und Gesellschaft - Als Postmigrant abgestempelt, Deutschlandfunk Kultur, 2015.
Auf ihrer Homepage definiert Ira Peter Russlanddeutsche als "Nachfahren von Siedler:innen aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa, die sich [...] in verschiedenen Regionen des russischen Zarenreiches niedergelassen hatten."
In "Deutsch genug?" beschreibt sie, wie die Generation unserer Eltern und Großeltern mit einer klaren Strategie nach Deutschland kam: Anpassung, nicht auffallen, "deutsch genug" sein. In der Sowjetunion waren sie "die Deutschen", in Deutschland wurden sie plötzlich "die Russen". Statt Zugehörigkeit spürten sie eher Scham.
"Da haben sie Deportation und sowjetische Arbeitslager, in denen sie wegen ihres Deutschseins gesessen hatten, überlebt. Und in der “Urheimat” wollte man sie verbrennen, weil ihnen das Deutschsein plötzlich abgesprochen wurde." (Peter, Ira. Deutsch genug? Goldmann, 2025.)
Die Generation meiner Eltern will vor allem dazu gehören; so sehr, dass einige selbst andere "Ausländer:innen" verteufeln. Viele Migra-Kinder lernen wenig über ihre Geschichte und Herkunft, trauen sich vielleicht gar nicht zu fragen. Die Frage der Zugehörigkeit steht im Raum wie ein Elefant und wird doch totgeschwiegen.
Doch meine Generation versteht allmählich, wie wichtig Zusammenhalt und Austausch ist, und dass das wichtigste tragende Medium dafür die Kunst ist. Immer mehr sehe ich verschiedene Organisationen, Instagram-Accounts, Magazine und natürlich Künstler:innen, die offen und verletzlich über die Erfahrung als postmigrantisches Kind sprechen. Das heißt, Kinder und Enkelkinder von den Menschen, die vor Jahren nach Deutschland gekommen sind. Eine reiche und gleichzeitig vergleichsweise unerforschte Quelle für Kreativität.
Die Berliner Künstlerin ZAVET, geboren als Elizaveta in Sibirien, hat im Juni 2025 ihr Debütalbum "Etage 3" veröffentlicht. Als ich das Album zum ersten Mal durchhöre, muss ich schmunzeln. Sie spricht vom Austausch von Pelmeni und Bratwurst, benutzt alte russische Lieder als Samples. In ihren Videos ist sie oft mit traditionell angehauchten und gleichzeitig modernen Hip-Hop-mäßigen Outfits und Haaren oder in Zimmern mit Wandteppichen zu sehen. Ähnlich wie ich ist sie in Bayern aufgewachsen.
“In der Heimat bin ich deutsch, hier ist Vater Staat enttäuscht” (ZAVET - Zuhause)
Ich fühle mich verbunden mit ihr, und zwar auf eine Weise, die wahrscheinlich nur Migra-Kinder verstehen. Ihre Themen und Bilder fühlen sich nostalgisch an und bestärken mich gleichzeitig in meiner Identität. Sie geben mir das Gefühl, dass ich irgendwo hingehöre.
Ein ähnliches Gefühl gab mir Apsilon das erste Mal, als ich "Köfte" gehört habe. Er spricht davon, sich aus Trotz nicht der deutschen Erwartung von Migrant:innen anzupassen, sondern mit Stolz die eigene Kultur zu leben. Seine Großeltern sind als türkische Gastarbeiter:innen nach Deutschland gekommen und er spürt Generationen später noch immer die Nachbeben ihrer migrantischen Erfahrung, die auch Einfluss auf seine eigene nehmen. Es ist beflügelnd, zu wissen, dass es andere Menschen in meinem Alter gibt, die ähnlich hin- und hergerissen sind. Die sich nicht deutsch aber auch nicht "aus der Heimat" fühlen. Die das in ihrer Musik verarbeiten und damit ein Licht auf das Thema rücken.
Ein paar von ZAVETs Songs wie "Ohne dich - без тебя" und "Weit weg - далеко" haben zweisprachige Titel, Deutsch und Russisch nebeneinander. Die Songs selbst handeln von etwas ganz anderem, aber die Sprache und Identität ist in jedem Erlebnis verwoben. In der Zweisprachigkeit findet sich auch die Zielgruppe wieder: Russlanddeutsche. Menschen, die beides verstehen
In meiner Familie wurde zu Hause ein Mix aus Russisch und Deutsch gesprochen. Weil ich nie wirklich gelernt habe, Russisch richtig zu sprechen, habe ich meistens auf Deutsch geantwortet, aber alles verstanden, was meine Eltern gesagt haben. Früher habe ich mich dafür geschämt, so schlecht sprechen zu können; heute finde ich es eher schön, so viel lernen zu können und mich gleichzeitig mehr mit meiner Herkunft zu befassen.
Mit dem Gewicht der Thematik muss sensibel umgegangen werden. Daher frage ich mich, inwiefern die erhöhte Aufmerksamkeit der letzten Jahre tatsächlich nur positive Auswirkungen auf die Bewegung und die gesellschaftliche Wahrnehmung hat. Ähnlich wie beim Unterschied zwischen Kunst und Content verläuft auch hier ein schmaler Grat: zwischen Musik, die Emotionen auslöst und relevante Themen verhandelt, und Musik, die vor allem deshalb gehört wird, weil sie ein Hit ist und Profit generiert.
Bei ZAVETs Album hätte ich mir manchmal etwas mehr Tiefgang gewünscht, etwas mehr Einordnung und weniger Befeuern der Deutschrap-Stereotype Reichtum und Status. Vor allem, weil diese teilweise als "Rettung" aus dem postmigrantischen Leben verstanden werden.
Dabei bedeutet dieses Leben so viel Schönes: Mehrsprachigkeit, kulturelle Traditionen wie Essen und Kleidung, Gemeinschaft, Wärme und Zuhause. Ich denke, ich möchte diese schönen Seiten in Zukunft in meiner Musik thematisieren und von Migration nicht mehr nur als Problem sprechen.
"Etage 3" zu entdecken, nachdem ich die Künstlerin dahinter zuerst persönlich kennenlernen konnte, fühlte sich fast schicksalhaft an. Gerade dann, als ich anfing, mich mehr mit meiner Herkunft zu beschäftigen und Ideen für ein neues Musikprojekt zu sammeln, begegnete mir jemand auf dem gleichen Pfad.
Sie ist nur eines von endlosen Beispielen (post-)migrantischer Künstler:innen, die die deutsche Popkultur prägen und aufbauen. Sie gehören untrennbar zu Deutschland und verdienen es nicht nur, gefeiert zu werden, sodass von ihnen profitiert werden kann, sondern auch, gehört und verstanden zu werden. Es ist wichtig, all diese Geschichten zu erzählen, sei es die der Russlanddeutschen, der trans* Menschen, der behinderten Menschen, oder welcher marginalisierten Gruppe auch immer. Sie alle gehören gleichermaßen zur Gesellschaft und verdienen auch den gleichen Anteil an Sichtbarkeit und Teilhabe.
Lange wusste ich nicht, wohin mit dieser Geschichte. Heute weiß ich: Sie gehört dorthin, wo sie gehört wird. In Musik, in Texte, in Gespräche. Vielleicht ist das mein Weg, mir selbst zu beweisen, dass ich nicht zwischen zwei Welten stehe, sondern in einer, die ich mitgestalte.
Falls euch das Thema noch weiter interessiert oder ihr in die erwähnten Artists reinhören wollt, haben wir zum Blog eine Blogbuster: Post-Migra-Deutsch-Rap Playlist zusammengestellt, die am Freitag, den16.01., um 13:00 Uhr & Samstag, den 17.01., um 20:00 Uhr im Radio und Livestream ausgestrahlt wird.
Text & Titelbild: Link Hert, Bild 2: Ira Peter
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