Wenn Rap zur Pädagogik wird: Im Studio mit Nico Hartung

Nico Hartung aka Deutschlands einziger Rap-Pädagoge® hilft Kids und Jugendlichen, ihre eigenen Texte zu schreiben und diese auch aufzunehmen. ALEX Autor EJ Summers hat ihn in seinem Studio besucht und zeigt: Rap kann Spiegel, Ventil und Lernraum zugleich sein. Nicht unproblematisch, aber ehrlich. Nicht perfekt, aber echt.

Mann und Junge in Tonstudio. Soundpatting an den Wänden, 2Pac-Poster an einer Tür, schöner Teppich

Fünf Jugendliche rennen um eine Tischtennisplatte – sie spielen Rundlauf. Strahlende Augen und Gelächter füllen den Raum. Daneben ist eine Couch, auf der intensiv getuschelt wird. Ich kann nicht verstehen worüber, aber es scheint wichtig zu sein. Der große Billardtisch ist gerade unbenutzt aber die abgewetzten Queues zeigen: Das ist nicht die Regel. Das Kinder- und Jugendhaus Immenweg in Steglitz öffnet seine Türen von Montag bis Freitag von 13 bis 19 Uhr. Es befindet sich auf dem Gelände der Wilhelm-Ostwald-Schule und ist von Schrebergärten umgeben.

Als ich durch den großen Gemeinschaftsraum laufe und bei den Treppen zum ersten Stock ankomme, denke darüber nach, was mich jetzt erwartet. Ich habe einen Termin bei Nico Hartung, der jeden Mittwoch einstündige Slots für Kinder- und Jugendliche in dem dortigen Tonstudio anbietet – er hilft ihnen eigene Rap Texte zu schreiben und dann auch aufzunehmen.

Hip-Hop und damit auch Rap Musik waren auch für mich seit der Jugend ein wichtiger Part in meinem Leben. Eine meiner Lieblingserinnerungen aus der Kindheit sind die Autofahrten mit meinem Dad: beide mit Sonnenbrille auf, die Köpfe am nicken und das „Konvicted“ Album von Akon auf voller Lautstärke aus den Boxen dröhnend.

Deutschlands einziger Rap-Pädagoge®

Er hat bereits während seines Studiums das Jugendprojekt "Tuned" ins Leben gerufen. Damals rappte er selbst unter dem Namen "Quadosch" und wollte seine Leidenschaft für Rap mit der pädagogischen Arbeit verbinden. Zwei Jahrzehnte später hat "Deutschlands einziger Rap-Pädagoge®", wie es auf der Tuned-Website heißt, ein fünfköpfiges Team hinter sich und besucht regelmäßig Schulen, bietet Fortbildungsmöglichkeiten, Video- und Rapworkshops an. Das Kinder- und Jugendhaus Immenweg ist für Nico noch immer ein besonderer Ort, denn hier fing seine Reise an: Hier hat er das erste Mal angefragt, ob sie offen wären, „dass man so ein bisschen Rap-Sachen macht“.

Ich laufe durch einen langen und hellen Flur und höre schon wummernde Beats, bevor ich sie genau verorten kann. Der Musik folgend, lande ich in dem kleinen Studio: Ein 2Pac Poster hängt zwischen zahllosen Soundpattings an der Wand, Gitarren lehnen auf ihren Ständern und ein Teppich sorgt für einladende Gemütlichkeit. Das Herzstück: Ein Schreibtisch mit zwei großen, übereinanderliegenden Bildschirmen und an beiden Seiten jeweils zwei Abhörmonitore. Davor sitzt Nico. Als er mich sieht, begrüßt er mich freundlich. Neben dem Schreibtisch steht eine kleine Couch, in deren Mitte der 18-jährige Bright sitzt. Er kommt jede Woche in das Kinder- und Jugendhaus Immenweg.

Nico startet nach einer Weile einen melodischen Beat und sagt: "Rap mal bitte vor". Bright lehnt sich nach vorne, zieht sein Handy aus der Hosentasche und beginnt: "Ich baue Mauern um mich rum, innen laut außen stumm, Narben voll Erinnerung // It`s a Blessing and a curse habs mir nicht ausgesucht, Manchmal frag ich mich, ist Bright zu sein nicht auch ein Fluch."
Ich komme zum Ende seines Zeitslots, also bekomme ich nur das Ergebnis mit. Bright hat sich Zeit für den Text genommen, soviel wird mir klar. Er rappt über Unsicherheiten und zeigt sich verletzlich. Das läuft in der Rap-Kultur oft auch anders.

Mann sitzt auf Couch
Der 18-jährige Bright ist regelmäßig bei Nico

Deutschrap der 2000er – Diskriminierung, Sexismus & Homophobie

Vor Allem Berlin ist Anfang der 2000er ein Hotspot für Deutschrap. Das Label Aggro Berlin brachte Straßenrap endgültig auf die große Bühne. Sido war einer der großen Künstler:innen des Labels und auf dem Song "Verrückt wie krass", vom Jahr 2006 fasste er dessen PR-Strategie so zusammen: „Hier und da mal „ficken“ sagen, manchmal übertreiben, du musst Grenzen überschreiten, mach dass die drüber schreiben." Der Mitgründer von Aggro Berlin Jens Ihlenfeldt, aka. "Spaiche", spricht im Interview mit dem Spiegel von "Provokation als Mittel des Entertainments"[1]. Dieses Klima bestimmte die Rapmusik in diesen Jahren. Sexistische und homophobe Lyrics wurden millionenfach verkauft, Gangsta Rap übernahm die Charts. Das ist aber kein Relikt aus der Vergangenheit: Eine Datenanalyse des Spiegels aus dem Jahr 2020 zeigte: "Sexismus hat im Deutschrap Tradition.[2]" 30.000 Texte wurden ausgewertet und zeigte, dass diskriminierende Sprache bis heute fester Bestandteil von Rap ist.

Das Liebeslied

Noch während Bright seinen Song vorrappt, besucht schon der nächste Rapper das Studio: Der achtjährige Pino. Er kommt bereits seit zwei Jahren zu Nico und heute will er an seinem Song weiterarbeiten – ein Liebeslied für ein Mädchen aus seiner Parallelklasse. Nachdem Bright sich verabschiedet hat, wendet sich Nico zu Pino: "Wir müssen jetzt erst mal am Text weiterschreiben. Hast du etwas, das du erzählen möchtest?" Pino überlegt und Nico lässt ihm die Zeit sich zu überlegen, was er an dem Mädchen so mag: "Ich finde sie einfach hübsch und manchmal kann ich nicht schlafen wegen ihr."

Der Rap-Pädagoge und πNO (Pinos Künstlername) feilen eine knappe halbe Stunde am Text. Nico achtet darauf, dass der Achtjährige selbst auf die passenden Worte kommt und verbessert Reimschemata, wenn etwas nicht rund klingt. "Ich kenne ihn jetzt schon seit zwei Jahren und merke, wenn er eine kurze Auszeit braucht. Dann soll er sich einfach hinsetzen und ein bisschen Quatsch machen", so Nico Hartung. Beim Aufnehmen läuft der Beat auf Dauerschleife und Nico rappt die einzelnen Verse vor und gibt Pino eine Orientierung.

"Kann nicht schlafen wegen dir // Fuck ich checke nicht, wann du das endlich kapierst."

Mann und Junge sitzen nach vorne gebeugt über Text auf Papier
Der acht-jährige Pino feilt mit Nico an seinem Text

Pädagogik mit Deep Dive

Nicos Maus klickt durchgehend und er verschiebt die Audio-Fetzen in der Musiksoftware so herum, dass sie auf den Beat passen. "Ich muss mir meiner Rolle immer bewusst sein. Ich arbeite in einem pädagogischen Haus, habe einen pädagogischen Auftrag und sehe da auch eine riesige Chance. Die Kids kommen und schleudern uns ihre Perspektiven und Lebenswelten durch Rap-Texte entgegen. Wir können es aufgreifen und sagen: ‚so siehst du das, ah spannend, warum ist das so?‘ Ich sage auch, dass sie im Grunde alles schreiben können, aber ich will auf jeden Fall mit ihnen drüber reden."

Der letzte Slot des Tages ist von Henry. Der 20-jährige hat drei Kumpels mitgebracht und ist zum dritten Mal bei Nico: "Ich möchte meine Kreativität rauslassen. Viele Rapper haben Talent aber sie nutzen es, um Scheiße zu labern." Er macht einen selbstbewussten Eindruck und geht direkt in die Booth: Ein kleiner Schallisolierter Raum mit einem Mikrofon darin. Henry hat eine beeindruckende Atemtechnik und rappt in englischer und deutscher Sprache, auf einem Boom-Bap-Beat.

Sein Text war schon vor der Session fertig und ist voller Mehrdeutigkeiten, Wortspielen, aber auch mit vielen sexistischen, gewaltverherrlichenden Passagen. "Es gibt immer drei Songs, die sind für mich frei", so Nico Hartung nach der Session. Bei denen kommentiert er die Texte nicht: "Ich kann nur mit ihnen gut arbeiten, wenn sie sagen ‚Nico ist ganz cool und mit dem kann ich reden, hier macht es Spaß‘. Die wollen primär nur aufnehmen. Die haben jetzt erst mal kein großes Interesse, dass ich komme und da sozialpädagogisch trainiere. Aber es wird sich ergeben."

Kopfhörer über Mikro gehängt, in aufnahmeraum
Die Booth: Viel Soundpatting, für den perfekten Sound

Die kritische Rap- und Männlichkeitsforscherin Heidi Süß weißt 2024 im Interview mit mir darauf hin, dass auch im Gangsta Rap gesellschaftliche Konflikte und Problemlagen diskutiert werden: „Es gibt viele problematische Aspekte im Gangsta Rap, das ist völlig klar. Aber bis heute werden dort auch soziale Missstände thematisiert, es geht um diasporische Identitäten und ums Überleben. Sowas bekommt man vielleicht im ersten Hören gar nicht mit.“

Auf dem Weg nach draußen rede ich nochmal mit Nico und frage ihn, wie wichtig Rap für ihn während des Heranwachsens war: "Es war wichtig, dass Rapper für mich da waren. Eißfeldt (Jan Delay) sagte es so schön ‚Unsere Pädagogen waren Rapper‘. Sie erzählen authentisch wie das Leben ist, was sie sehen und das hat für mich viel mehr Identifikationspotenzial gehabt, als wenn das mein Akademiker-Lehrer gesagt hat. Ich glaube aber trotzdem, dass Rap primär emotional gefällt. Also Leute hören einen Song und mögen ihn. Erst im zweiten Schritt fangen sie an genauer darüber nachzudenken."

Was von dem Besuch bleibt...

Ich laufe an den Schrebergärten vorbei, habe Kendrick Lamar auf dem Ohr und lasse den Nachmittag auf mich wirken. Heute habe ich beide Seiten der Rap Kultur kennengelernt: Ich konnte hautnah erleben wie die Musik Menschen miteinander verbindet – und ganz unabhängig von Alter, Aussehen oder sonstigen Oberflächlichkeiten. Trotzdem haben sich auch Stereotypen bestätigt: Sexismus, gewaltverherrlichende Sprache und nur Männer (inklusive mir). Im Rap, beziehungsweise in der ganzen Hip-Hop Kultur, geht es oft darum "Real" zu sein.

(Deutsch-)Rap kann als Spiegel der Gesellschaft gesehen werden, in dem die real-vorhandenen Diskriminierungen und Dynamiken überspitzt wiedergegeben werden. Gleichzeitig wirken Rap und Hip-Hop Identitätsstiftend und geben jungen Menschen ein Outlet zur kreativen Entfaltung. Oder wie Heidi Süß das Spannungsverhältnis zwischen Entfaltung und Kunst beschreibt: "Es braucht Leute, die unabhängig drauf gucken und Sachen, die falsch laufen, als solche benennen und kritisieren. Aber mit viel Liebe zur Kultur, weil Rap auch Teil meiner Identität ist und ich es nicht eindimensional abstrafen möchte."

Noch mehr zum Thema? ALEX Autorin Sophie Ehmke hat sich Hip-Hop Feminismus genauer angeschaut.

Text, Interview & Bilder: EJ Summers

Quellenverweise

[1]: Loesche, Dyfed (2015): Was wurde aus Aggro Berlin? https://www.spiegel.de/kultur/musik/was-wurde-aus-aggro-berlin-a-1050348.html

[2]: Rohwer, Björn (2020): F****! Sch*****! B****! https://www.spiegel.de/kultur/musik/sexismus-im-deutsch-rap-text-analyse-aus-vier-jahrzehnten-rap-geschichte-a-8777bc4f-0c5d-461e-8d19-e99d69a3e3d0

Zurück

Empfohlen