Avocados, Maracujas, Granatäpfel – klingt nach einem Instagram-Post aus dem Biomarkt? Nicht ganz. Das sind sogenannte Superfruits, sie gelten als wahre Wundermittel: vollgepackt mit Vitaminen und Nährstoffen, antioxidativ, entzündungshemmend, schönmachend und nicht zu vergessen: teuer. Doch es gibt ein anderes Superfruit-Prinzip, das mindestens genauso viele Benefits verspricht und dabei ohne die Plastikverpackung und den hohen Preis auskommt: der Gemeinschaftsgarten.
Denn was Superfruits für den Körper sind, sind Gemeinschaftsgärten für die Stadt: ihre Superkräfte sind Nachhaltigkeit, Biodiversität, Umweltbildung aber auch Integration, Vielfalt, soziales Miteinander und noch dazu zukunftsorientierte, innovative Stadtplanung. Um nur einiges zu nennen. Ganz schön gut, oder?
Zugegeben, der Begriff Superfruit wird eher zu Marketingzwecken verwendet, um die Luxuslebensmittel zu bewerben. Doch warum sollte man ihn nicht auch nutzen, um die verborgenen Kräfte hinter dem Prinzip des Urban Gardening aufzudecken? Warum sprießen sie gerade in Berlin an allen Ecken? Und was macht sie zu kleinen grünen Kraftzentren einer zukunftsfähigen Stadt?
Wer denkt, beim Urban Gardening handle es sich um das Hobby vereinzelter Öko-Enthusiasten, irrt sich. Die Urbanen Gärten sollten jede und jeden begeistern, dem Nachhaltigkeit am Herzen liegt - denn Gärtnern in der Stadt bringt Vorteile auf verschiedensten Ebenen. Es werden lokal Lebensmittel angebaut, das bedeutet Transportwege und Verpackungsmüll werden eingespart, Versorgungssouveränität gestärkt und frische, saisonale Nahrungsmittel produziert. Damit erfüllt das Projekt einen Zweck, der weit über den eines Hobbys hinausgeht. Außerdem fördern urbane Gärten die Biodiversität; es werden Lebensräume für Insekten, Vögel und Kleintiere geschaffen, deren Überleben in der Stadt sonst nicht gegeben ist.
Wie viele von uns, insbesondere Stadtbewohner:innen, beschäftigen sich wirklich mit der Umwelt? Die Auseinandersetzung mit der Natur gehört nicht mehr so selbstverständlich zum Aufwachsen und Leben dazu, wie es mal der Fall war. Da ist es eigentlich wenig überraschend, dass uns unsere Ökosysteme und der Zustand unseres Planeten immer mehr aus den Augen zu geraten scheinen.
Viele Gemeinschaftsgärten in Berlin bieten Workshops und Bildungsangebote an. Teilweise geht es um praktische Gärtnerhilfen, aber auch um allgemeines Wissen zu Lebensmitteln, Ernährung und Umwelt. Das Gärtnern, das Dazulernen und schlicht das Aufhalten in der Natur fördert unser Verständnis für ökologische Zusammenhänge, gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit.
Für interessierte Besuchende, die sich nicht gleich die Hände schmutzig machen wollen, gibt es in vielen Gärten Cafés, die Kaffee, kalte Getränke und leckere Snacks anbieten – möglichst biologisch, fair und aus der Region.
Gemeinschaftsgärten sind, wie der Name schon sagt, nicht einfach Gärten. Es sind Orte der Partizipation, der Integration und des sozialen Miteinanders. Trotz Berlins multikulturellem Charakter zeigt sich immer wieder, wie schwer echte Vernetzung zwischen kulturellen Gruppen fällt – viele bleiben in ihren eigenen Kreisen. Die Gärten sind Orte, an denen generationenübergreifend und interkulturell zusammen gearbeitet und gelebt wird, und zwar ohne große Hürden. Viele Vereinigungen veranstalten darüber hinaus Events und Treffen, die zu gemeinschaftlichen Aktivitäten einladen. So zum Beispiel das Prinzessinnengarten Kollektiv mit „cook, eat und deutsch sprechen“ – Abende zum gemeinsamen Kochen und deutsch Lernen.
Städte werden immer größer und dichter, die Luftqualität verschlechtert sich, die Sommer werden heißer, die Winter immer grauer. So attraktiv ein Leben in der Großstadt ist, so frustrierend ist es, wenn heiße Sommertage keinen Schatten gewähren und einen an besonders stressigen Tagen die Sehnsucht nach dem Land packt. Dabei muss es so schwarz-weiß nicht sein. Innovative, nachhaltige Stadtplanung ermöglicht uns die Verschmelzung von Stadt und Land, the best of both worlds, sozusagen. Zum Beispiel in Form von Grünanlagen im urbanen Raum. Ich spreche nicht nur von Gemeinschaftsgärten, hier kommen auch Konzepte wie vertikale Gärten ins Spiel. Beete, die sich Hauswände hochranken.
Ob als grüne Oase zwischen Häuserschluchten, als Lernort für nachhaltiges Leben oder als Treffpunkt für Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen – Gemeinschaftsgärten sind mehr als nur ein nettes Stadt-Upgrade. Sie sind, so unscheinbar sie für viele sein mögen, wichtige Träger dessen, wie Stadt in Zukunft funktionieren kann: gemeinschaftlich, ökologisch, kreativ. In einer Zeit, in der Städte wachsen, Ressourcen knapper werden und das soziale Miteinander oft zu kurz kommt, sind solche Orte dringender denn je. Vielleicht sind es am Ende nicht Maracuja, Avocado & Co., dessen anti-aging Effekte gesund und resilient machen, sondern die Power hinter Urban Gardening: Gemeinschaft, Bildung, Nachhaltigkeit.
Text: Ella Arens, Bilder: Lisa Slaby
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