Wer und was macht einen Kiez - einen Lebensraum - eigentlich lebendig? Und wie schaffen wir Räume für echte Begegnung abseits vom Konsumzwang? Um darüber zu sprechen, habe ich mich mit zwei Frauen getroffen, die ihre Zeit der nachbarschaftlichen Begegnung im Wedding widmen: Madeleine Penny Potganski, Verantwortlich für die Kommunikation des Festivals „Stadt Land Panke“, und Milada Enzenbach, die beim Quartiersmanagement Pankstraße arbeitet. Was als Interview über ein Kiezfest begann, wurde schnell zu einer Reflexion über Nachbarschaft, Aktionismus und die Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Wenn es irgendwo plätschert, reicht es einem in Berlin, um sich fast wie in der Natur zu fühlen. Als ich im Sommer an der Panke entlang lief, traute ich meinen Augen kaum: Mitten in der Panke saßen 3 Männer in Plastikstühlen und kühlten die Füße im Wasser ab. Meine Gedanken schwanken hin und her zwischen „Die haben morgen bestimmt Ausschlag“ und „Man muss sich nur zu helfen wissen“. Tatsächlich ist die Panke ein Ort im Wedding, dem ein großes Potenzial innewohnt. Er könnte Rückzugs- und Begegnungsort sein - ist aber bisher kaum für die nachbarschaftliche Nutzung gestaltet.
Ein Café setzt voraus, dass man etwas bestellt. Eine Bar ebenso. Viele öffentliche Räume sind reine Durchgangsräume. Auch im Park fehlen oft Sitzgelegenheiten oder Möglichkeiten, tatsächlich länger und ungezwungen zu bleiben.
Aber wo können Menschen in Berlin hingehen, wenn sie nichts konsumieren wollen oder können? Das ist eine Frage, die weit über Stadtplanung hinausgeht und direkt den Kern einer Nachbarschaft berührt. Nachbarschaft – was bedeutet das heute überhaupt? Man muss seine Nachbar:innen nicht unbedingt zu Freund:innen machen. Aber man sollte zumindest die Möglichkeit haben, ihnen im Alltag ungezwungen zu begegnen.
Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit in Kreuzberg. Damals kannten wir alle im Haus, haben einander Essen vorbeigebracht und gegenseitig auf die Kinder aufgepasst. Als ich zum ersten Mal in eine andere Wohnung zog, erlebte ich einen kleinen Kulturschock: Man kannte zwar die Gesichter aus dem Treppenhaus, aber oft nicht mal mehr die Namen der anderen Hausbewohner:innen. Nachbarschaft wurde anonymer, unverbindlicher, aber auch einsamer. Dabei ist das Bedürfnis nach echter Begegnung riesig. Madeleine Penny Potganski erzählt mir im Gespräch von einem kleinen Straßenfest in Neukölln:
„Da saß eine achtzigjährige Frau auf einer Bierbank und erzählte den Jüngeren, wie sie nach dem Krieg geholfen hat, die Häuser hier wieder aufzubauen. Sie hat die schlimmsten Zeiten miterlebt und jetzt die Gentrifizierung. "Am Ende saßen da Menschen zusammen, die sich im normalen Stadtalltag niemals begegnet wären, weil es einfach keinen gemeinsamen Ort für sie gibt“.
Genau das ist das Konzept des „Dritten Ortes“ – ein konsumfreier, offener Raum, an dem man einfach sein darf und ins Gespräch kommen kann.
Echter Zusammenhalt entsteht selten durch die großen, am grünen Tisch geplanten Stadtentwicklungsprojekte. Er entsteht meist viel kleiner, durch lokalen Aktionismus direkt von unten. Milada, die für das Quartiersmanagement Pankstraße arbeitet, berichtet, dass es oft schon damit beginnt, dass jemand sagt: Wir machen hier jetzt eine Spielstraße. Wir stellen einen Tisch auf die Straße. Wir bepflanzen ein Baumbeet. Wir organisieren einen Flohmarkt;
„Es geht darum, die Sachen wieder kleiner zu denken. Und wieder lokal sich irgendwie vernetzen“.
Das Schöne an diesem Aktionismus: Die Nachbar:innen warten nicht darauf, dass irgendwann die perfekte Infrastruktur vom Senat geliefert wird. Sie machen erst einmal selbst etwas.
Und so kommt die Panke wieder ins Spiel. Eigentlich liegt hier bereits ein solcher Ort, ein grünes Band mitten durch den dicht besiedelten Wedding - nur ist er bislang kaum als solcher eingerichtet. Wer heute an der Panke entlangspaziert, merkt schnell: Ein idyllischer Park zum Verweilen ist das nicht. Der Grünzug ist weitgehend ungenutzt. „Man kann da nicht sitzen oder abhängen, das ist alles noch so krautig“, sagt Potganski, als wir uns für ein Gespräch treffen.
Aktuell nutzen viele den Grünzug zwar pragmatisch, um abseits des Autolärms zur Arbeit zu pendeln - aber eben nur als reine Transitstrecke. Zum Verweilen lädt die Panke im Alltag nicht ein, es fehlen Bänke, Barrierefreiheit und Aufenthaltsqualität. Und doch, so überlege ich, ziehen Orte am Wasser die Menschen magisch an.
So bekommt meine Sommer-Beobachtung im Nachhinein eine ganz neue Bedeutung: Die drei Männer mit ihren Plastikstühlen im Fluss haben nicht einfach nur ihre Füße gekühlt. Sie haben sich ihren Aufenthaltsort im Grunde selbst gebaut – ein kleiner Akt von kreativer Aneignung, mitten im ungenutzten Raum.
Genau dieses ungenutzte Potenzial des Flusses will das Festival „Stadt Land Panke“ wecken. Entstanden ist die Idee aus dem Netzwerk „Panke blüht“ des Quartiersmanagements Pankstraße. Nach einem erfolgreichen kleineren Vorläufer im letzten Jahr - der kreativen Workshopreihe „Blaupause“ vor der Bibliothek am Luisenbad, der Kita Pankonauten und im Maker-Space der Schiller-Bibliothek - war der Wunsch nach etwas Größerem da. Dabei soll das Festival den Wedding nicht erst mühsam „beleben“ – denn belebt und voller Energie ist der Bezirk längst. Das Ziel ist ein anderes: Es geht darum, das sichtbar zu machen, was ohnehin das ganze Jahr hinter verschlossenen Türen existiert.
„Viele soziale und kulturelle Träger im Kiez sind unterfinanziert und personell dünn aufgestellt, leisten aber täglich unglaubliche Arbeit. Das Festival soll diese Arbeit sichtbar machen, wertschätzen und den Akteur:innen die Chance geben, sich untereinander zu vernetzen. Die Räumlichkeiten zu öffnen, füreinander.”
Für die Nachbarschaft kann es eine Entdeckungsreise sein: “Was ist denn eigentlich alles schon hinter diesen ganzen Türen, an denen man tagtäglich so vorbeiläuft?", fragt Madeleine. Stimmt, denke ich - auch ich weiß verhältnismäßig wenig über meinen eigenen Kiez.
Am 12. September erstreckt sich ein buntes Programm von 10 bis 22 Uhr entlang des Flusses. Das verbindende Element ist die Festwiese direkt am Wasser, von der aus man sich treiben lassen kann.
Die Vielfalt der Beteiligten ist beeindruckend: Kulturelle Institutionen wie das Silent Green oder die Uferstudios öffnen ihre Tore ebenso wie Kitas, Schulen oder das Haus Bottrop. Das Haus Bottrop, eine Seniorenbegegnungsstätte unter der Leitung von Frau Richter, ist eine wahre Inspiration für generationsübergreifenden Austausch. Hier gibt es Kochabende mit Länderküchen, ein Kiez-Kino und sogar interkulturelles Karaoke, bei dem auf verschiedenen Sprachen gesungen wird. „Die haben einfach ein unglaublich patentes, humorvolles Lebensgefühl. Eine der Senior:innen meinte neulich zu mir: Wir sind halt aus Versehen alt geworden” Madeleine strahlt, als sie davon erzählt.
Dass die bunte Tüte an Angeboten so prall gefüllt ist, war für das Team selbst eine kleine Überraschung. Der Mitmach-Aufruf im Internet erzeugte so viel Resonanz in der Nachbarschaft, dass das kleine Team die Anmeldung für dieses Jahr irgendwann stoppen musste.
„Es war einfach genug, mehr hätten wir organisatorisch nicht mehr stemmen können“.
Organisiert wird dieses Kiezfest nicht von einer Eventagentur, sondern von einem kleinen, engagierten 2+2-Team: „Projektleiter Benedikt – Architekt, Stadtplaner und Kurator – verantwortet Orga, Logistik, Genehmigungen und Budget, Madeleine die Kommunikation, unterstützt von Melis (Social Media, türkische Übersetzung) und Hakam (arabische Übersetzung). Am Ende packen aber alle mit an und organisieren mit." Für die kleine Orga ist die basisdemokratische Selbstorganisation ein wahrer Kraftakt.
„Viele Abstimmungsschleifen, eine Flut an CC-E-Mails bis spät in die Nacht und das Jonglieren mit Schließzeiten während der Sommerferien.”
Am Ende muss an vieles gedacht werden:
“Ob Stromanschlüsse, Wetterschutz bei Regen oder die Frage, wie viele Musikbeiträge gleichzeitig laufen dürfen, ohne dass es zu einer akustischen Kakophonie kommt – wir koordinieren eigentlich nur flankierend, während die Akteur:innen das Programm selbst stemmen.“
Das alles passiert in einem Viertel, das unter extremem Druck steht. Die Gentrifizierung ist deutlich spürbar. Direkt neben der historischen, denkmalgeschützten Wiesenburg entstehen teure Luxus-Neubauten mit schicken Lastenrädern davor, während langjährige Mieter:innen sich organisieren müssen, um sich vor Verdrängung zu schützen. Gleichzeitig sind die sozialen Kürzungen in Berlin auf den Straßen unübersehbar.
Doch Nachbarschaft und Kiezverbundenheit hat im Wedding tiefe Wurzeln. Es ist eine sehr konkrete, oft aus vielen Generationen bestehende Nachbarschaft, für die der Wedding Identität bedeutet. Milada erzählt von Spielstraßen-Initiativen, bei denen die Mütter der engagierten Frauen selbst schon in der Straße aufgewachsen sind. Und auch in den Jugendfreizeiteinrichtungen kennt das Personal teilweise noch die Mütter als Kinder, die heute mit ihren eigenen Kindern dort auftauchen.
Inmitten dieses Wandels steht auch eine institutionelle Veränderung bevor: Das Quartiersmanagement Pankstraße, das den Kiez seit 2002 intensiv begleitet und gefördert hat, befindet sich in der Abschlussphase.
„Quartiersmanagements sind zeitlich begrenzt, eigentlich auf maximal 15 Jahre.”, erklärt Milada. “Uns gibt es aber schon seit 2002 – wir sind also deutlich drüber und wickeln das QM nun langsam ab. Genau deshalb sind Dinge wie dieses Festival so wichtig: Es geht nicht nur um einen schönen Tag, sondern darum, jetzt feste, tragfähige Netzwerke zwischen den Einrichtungen aufzubauen, die auch ohne die Struktur des QM in Zukunft weiterbestehen.“
Hier schließt sich der Kreis zum Aktionismus. Stadt Land Panke soll keine einmalige Party sein. Es soll nachhaltige Strukturen schaffen, damit sich die Einrichtungen und Nachbar:innen untereinander kennenlernen, zusammenkommen und ihren Kiez gestalten können.
Dass Engagement im Wedding welches nicht nur von den Menschen gelebt wird, die Zeit und Mittel im Überfluss haben, beschreibt Madeleine mit einer bildhaften Metapher über das Kiez-Gefühl:
„Es ist wie ein Perpetuum Mobile. Es sind eben nicht nur die Privilegierten, sondern auch Menschen, die selbst mit Hürden zu kämpfen haben oder älter und gebrechlich sind, die ein großes Stück vom Kuchen abhaben wollen - und ihn sich dann einfach selbst backen.“
Was kann man also selbst tun, um diesen Kuchen mit zu backen? Eine Antwort ist im Wedding, so wie in anderen Berliner Nachbarschaften, eigentlich gar nicht so kompliziert: Einfach mal klingeln. Das Vor-Ort-Büro des Quartiersmanagements freut sich über jeden spontanen Besuch. „Kommt einfach vorbei, erzählt von euren Ideen und wir vernetzen euch“, lädt Milada ein.
Da gibt es zum Beispiel die Flohmarkt-Gruppe am Martha-Ndumbe-Platz oder das Team rund um den frisch reparierten „Gemüsetransformator“ – ein fahrbares Kitchen-Bike, das für gemeinschaftliche Kiez-Kochevents bereitsteht. Berlinweit gilt in den Quartiermanagement Gebieten: Wer eine eigene Idee für den Kiez hat, dem hilft der Aktionsfond: Hier können kleinere Nachbarschaftsprojekte mit bis zu 1.500 Euro gefördert werden. Diese Fördermittel dienen dazu, das ehrenamtliche Engagement im direkten Wohnumfeld schnell und unbürokratisch zu aktivieren.
Manche sagen, der Wedding ist gekommen, für andere ist er immer noch Underdog; Fest steht, dass er unabhängig von seiner Popularität eine unbändige Energie und Vielfalt bietet. Als einer von vielen Stadtteilen Berlins hat er seine eigene Geschichte und Prägung. Die Bedürfnisse der Nachbarschaft, um auf zu blühen und sich entfalten zu können, sind jedoch grundlegend die gleichen, wie bei seinen Geschwister-Kiezen und in den meisten Gemeinschaften.
Ich gehe aus dem Gespräch mit neuen Anregungen, denke über die Bedeutung von Nachbarschaft nach - Leben, Begegnung, Individualität. Und denke mir: Wir müssen nicht immer darauf warten, dass uns jemand den perfekten Ort baut.
Oft geht es vor allem darum, irgendwo anzufangen: Ein sinnbildlicher Plastikstuhl im Wasser.
Das Festival Stadt Land Panke ist eine Veranstaltung des Netzwerks Panke blüht!, das vom Quartiersmanagement Pankstraße ins Leben gerufen wurde. Es findet am Samstag den 12. September 2026. im Wedding rund um die Panke statt. → Stadt Land Panke Festival
Bilder: Kevin Fuchs
Text & Interviews: Kiki Weineck
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