Der Bedarf an Therapieplätzen in Berlin ist riesig, die Wartezeiten lang, die Plätze begrenzt. Gleichzeitig sehen aktuelle gesundheitspolitische Reformen massive Kürzungen in der Psychotherapie vor. Wie passt das zusammen? Und wird dabei wirklich eingespart? ALEX-Autorin Hanna Körner hat mit der Psychotherapeutin Melanie S. und der Psychologie-Studentin Nathalie über die Reformen und ihre Folgen gesprochen. Können wir uns psychische Gesundheit noch leisten?
Luca (Name geändert) ist seit knapp zwei Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Einmal pro Woche besucht er eine Gruppentherapie in einer Praxis in Berlin-Mitte. In 100-minütigen Sitzungen werden dort unterschiedliche psychische Belastungen gemeinsam mit der Therapeutin und den anderen Patient:innen besprochen und behandelt. Die Sitzungen helfen ihm dabei, seinen Alltag zu bewältigen und depressive Phasen abzuschwächen.
Über fünf Monate lang hat er gesucht, rund 30 bis 40 Praxen angeschrieben und mehrere Erstgespräche geführt, bevor er als Kassenpatient diesen Platz bekam. Wie lange er diesen Therapieplatz noch garantiert bekommt, ist angesichts der jüngsten gesundheitspolitischen Reformen und geplanten Einsparungen in der Psychotherapie allerdings ungewiss.
Lucas Therapeutin Melanie ist seit 2014 als approbierte Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt kognitive Verhaltenstherapie tätig. Im Rahmen von Einzel- und Gruppentherapien behandelt sie monatlich rund 40 Patient:innen. Melanie blickt mit großer Sorge auf die derzeitigen Entwicklungen. Alarmierend sind für sie dabei nicht nur die massiven Einschnitte in die Psychotherapie, sondern auch die Unwissenheit darüber: "Vielen Betroffenen, ähnlich wie weiten Teilen der Öffentlichkeit, ist noch nicht bewusst, welche Auswirkungen diese Veränderungen langfristig auf die psychotherapeutische Versorgung haben können."
Zum 1. April 2026 wurde die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt. Das hatte der Erweiterte Bewertungsausschuss im März dieses Jahres beschlossen, nachdem die Verhandlungen zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (kurz: KBV) und GKV-Spitzenverband gescheitert waren.
Die Absenkung betrifft fast alle Leistungen, die Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten durchführen und abrechnen – die antrags- und genehmigungspflichtige Psychotherapie ebenso wie beispielsweise die psychotherapeutische Sprechstunde und die Akutbehandlung. Eine laut KBV-Vorstandsvorsitzenden Dr. Andreas Gassen "fatale Entscheidung", die zulasten psychisch kranker Menschen gehe und die die Psychotherapeuten massiv benachteilige.
Doch was bedeutet das konkret für die Praxen, (angehende) Psychotherapeut:innen und die Patient:innen?
2023 hat Melanie ihren eigenen Kassensitz erworben und ihre eigene Praxis in Mitte eröffnet. Für den Erhalt des Kassensitzes musste sie einen Kredit aufnehmen, den sie derzeit noch abbezahlt. Als Selbstständige kommt sie zudem selbst für ihre Altersvorsorge auf. Die Honorarabsenkung hat bei ihr auch deshalb Sorgen und Unsicherheit ausgelöst: "Ich habe mich gefragt: Ist das erst der Anfang, oder müssen wir künftig mit weiteren Einschnitten rechnen?"
Auch Psychologie-Studentin Nathalie wurde von der Botschaft kalt überrascht: "Ich war schockiert, wütend und enttäuscht. Dass da noch jemand auf die Idee kommt diesen absolut unterfinanzierten Sektor weiter zu kürzen macht einen nur noch fassungslos!"

Die 31-jährige Studentin befindet sich derzeit in ihrem letzten Mastersemester an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB). Ihr Ziel war es eigentlich direkt im Anschluss an ihren Abschluss im März 2027 die Approbationsprüfung zu absolvieren und danach mit der Weiterbildung zur Fachpsychotherapeutin in Verhaltenstherapie zu beginnen. Ob und wie das möglich sein wird, ist derzeit allerdings noch ungewiss: "Da die letzten Bundesregierungen die Finanzierung der Weiterbildung bis heute nicht geklärt haben, liegen meine Pläne diesbezüglich auf Eis", so Nathalie. Die Weiterbildung ist unter anderem notwendig, um sich als Psychotherapeutin mit eigener Praxis niederlassen zu können.
"Der Weg zur approbierten Psychotherapeutin war lang und herausfordernd", berichtet Therapeutin Melanie. Die überdurchschnittlich lange Ausbildungszeit sowie die erheblichen Investitionen und Ressourcen, die dafür aufgebracht werden müssen, verstärken dabei die Frustration und Unzufriedenheit der beiden über die derzeitige Lage zusätzlich.
Neben den Problemen, die sich für Psychotherapeut:innen ergeben, haben die Kürzungen auch Auswirkungen auf die Patient:innen und die Gesellschaft insgesamt.
Sollten die geplanten Kürzungen umgesetzt werden, verfügt Melanie zufolge ihre Praxis künftig über weniger Kassenleistungen. Als Konsequenz dessen müsste sie entweder das Angebot an Gruppentherapien ausweiten und dafür Einzeltherapieplätze reduzieren oder zusätzlich Privatpatient:innen aufzunehmen, um die Versorgung weiterhin aufrechterhalten zu können.
Für gesetzlich-versicherte Patient:innen bedeutet dieses Szenario laut der Berliner Psychotherapeutin, dass noch weniger Therapieplätze zur Verfügung stehen werden als ohnehin schon. Zudem drohen längere Wartezeiten und/oder ein geringeres Behandlungsangebot – und das bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach Therapieplätzen. Keine wirklich blumigen Aussichten. Wer ist Berlin schon mal auf der Suche nach einem Therapieplatz war, merkt schnell, wie schwierig es sein kann, einen Platz zu finden. Melanie weiß um den Mangel: "Ich könnte bestimmt drei Mal so viele Patient:innen behandeln. Der Bedarf an Therapieplätzen übersteigt das Angebot massiv." Dies wird sich durch die Kürzungen zukünftig noch weiter verschärfen.
Auch Nathalie skizziert für den Fall weiterer Kürzungen ein düsteres Zukunftsbild: "Wir werden deutlich mehr Chronifizierte Krankheitsverläufe sehen, der bereits enorme Druck auf die Kliniken wird noch weiter steigen, weniger Menschen werden rechtzeitig Hilfe bekommen, Menschenleben stehen auf dem Spiel."
Aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gibt es keinerlei Belege, die die massiven Kürzungen in der Psychotherapie rechtfertigen.
Ihre Reaktionen auf die Kürzungen folgten daher prompt: Neben organisierten Protesten und Demonstrationen gegen die verhängten Honorarkürzungen im Frühling 2026 hat die KBV im April 2025 Klage beim Landessozialgericht Berlin-Brandenburg erhoben. Sie geht davon aus, dass der Beschluss rechtswidrig ist und hatte zugleich um Eilrechtsschutz nachgesucht, der im Juli 2026 gewährt wurde. Bedeutet: Nach Auskunft des Gerichts darf von der Honorarabsenkung kein Gebrauch gemacht werden, solange nicht rechtskräftig über die Klage entschieden ist. Ein Durchbruch?!
Nathalie und Melanie sprechen von einem "kleinen Zwischenerfolg", ein großes Aufatmen gibt es aber nicht. Bisher ist noch nicht abschließend über die Honorarabsenkung entschieden worden. Sollte die Klage im Hauptverfahren nicht gewinnen, könnten Rückforderungen anfallen. Außerdem bleiben die Honorarkürzungen nicht das einzige Problem.
Die erst kürzlich verabschiedete Gesundheitsreform, und insbesondere das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz lösen bei Melanie wie auch Nathalie eine noch viel größere Unsicherheit aus. Denn "hier drohen strukturelle Einschnitte der Psychotherapie und es nicht ausgeschlossen, dass daran weitere Reformen im Gesundheitswesen anschließen", so die approbierte Therapeutin.
Mit dem am 30. Juli 2026 verabschiedeten Beitragssatzstabilisierungsgesetz nimmt die Politik tiefgreifende Eingriffe in das Gesundheitssystem vor, um die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren. Die Kürzungen betreffen überwiegend die Versorgung – allen voran die Praxen der Ärzt:innen sowie der Psychotherapeut:innen. Allein im kommenden Jahr sollen rund drei Milliarden Euro eingespart werden, ab 2030 rund fünf Milliarden jährlich. Gestrichen werden zudem die extrabudgetären Zuschläge, die mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) eingeführt worden waren, damit Praxen zusätzliche Termine bereitstellen. Für die Praxen bedeutet der Wegfall der TSVG-Vergütung einen Honorarverlust von 1,64 Milliarden Euro jährlich.
Mit dem "Spargesetz" verfolgt der Gesetzgeber eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik. Bedeutet: Es darf nicht mehr Geld ausgegeben werden als die gesetzlichen Krankenkassen über die Beiträge ihrer Mitglieder:innen einnehmen. Die ärztliche und psychotherapeutische Versorgung der Patient:innen richtet sich somit nach Kassenlage.
Insgesamt erwartet Nathalie durch das Gesetz gravierende Verschlechterungen in der Versorgung. Ihr zufolge wissen viele psychotherapeutische Praxen aufgrund der Budgetierung derzeit nicht, wie es ab 2027 weitergehen soll. Einige würden möglicherweise schließen müssen. "Schon in diesem Jahr war die Jobsuche in Berlin für viele aus meinem studentischen psychologischen Umfeld ernüchternd", berichtet die Studentin. Mit dem Beitragsstabilisierungsgesetz und den weiteren Kürzungen im Gesundheitssystem befürchtet sie, dass es ab 2027 noch weniger Stellen geben wird – "Egal ob im Gesundheitssystem oder in anderen sozialen Bereichen."
Doch was ist an dem Beitragssatzstabilisierungsgesetz konkret dran? Wie wirksam ist es - und kann tatsächlich Geld eingespart werden?
Die Bundespsychotherapeutenkammer gibt an, dass jeder in ambulante Psychotherapie investierte Cent, zwei bis vier Cent an Folgekosten einspart. Langfristig werden die Kosten durch diese Reform also eher steigen als sinken – sowohl finanziell als auch gesellschaftlich, so Melanie. Denn: "Je schlechter der Zugang zu psychotherapeutischer Hilfe ist und je länger Menschen mit psychischen Erkrankungen ohne angemessene Unterstützung bleiben, desto schwieriger werden ihre Stabilisierung und die Rückkehr in das soziale oder berufliche Leben. Die vermeintlichen Einsparungen von heute können deshalb die Folgekosten von morgen sein." Dem stimmt auch Nathalie zu: "Wer zeitnah eine adäquate Behandlung erhält, ist kürzer krankgeschrieben, und hat ein deutlich geringeres Risiko für Klinikaufenthalte in der Psychiatrie oder sogar eine Frühberentung."
Psychotherapeutin Melanie befürchtet, dass diese Entscheidung der Kürzungen vor allem unter dem Gesichtspunkt kurzfristiger Einsparpotenziale getroffen wurde. „Psychische Erkrankungen sind oft weniger sichtbar als viele körperliche Erkrankungen. Ihre Auswirkungen werden von außen nicht immer erkannt, obwohl sie das Leben der Betroffenen massiv beeinträchtigen können“, so Melanie.
Wie gefährlich es werden kann Psychotherapie systematisch zu kürzen und ihre Bedeutung zu unterschätzen, lässt sich nur erahnen. Immerhin kann es um Menschenleben gehen.
Neben der Behandlung von Eizelpersonen, leistet die Psychotherapie auch einen wesentlichen gesellschaftlichen Beitrag: "Unsere Aufgabe besteht auch darin, Menschen dabei zu unterstützen, wieder am sozialen Leben teilzunehmen und in Ausbildung oder Beruf zurückzukehren. Wir tragen damit wesentlich zur gesellschaftlichen Teilhabe und langfristig auch zur Entlastung anderer Systeme bei." erläutert Melanie. Gerade an dieser Stelle zu kürzen, erschließt sich dabei für sie nicht.
Auch Nathalie stellt klar: "Wenn wirklich Interesse besteht auf lange Sicht zu sparen, dann sollte es der breiten Bevölkerung ermöglicht werden zeitnah Psychotherapie in Anspruch nehmen zu können, die Finanzierung der Weiterbildung der Psychotherapeut:innen nach 6 Jahren Lücke nun endlich geklärt werden und die Anzahl der Kassensitze an den aktuellen Bedarf angepasst werden."
Sich von ihrem Berufsfeld abbringen lassen, möchten sich beide trotz der aktuellen Herausforderungen nicht. Für Nathalie ist klar: Sie wird irgendwann definitiv in ihrem Beruf arbeiten – ob in Deutschland oder im Ausland. Auch Melanie ist überzeugt, "unser Beruf ist für die Gesellschaft und viele Betroffene viel zu wichtig und sinnstiftend, um daran zu zweifeln." Trotzdem sieht sie die aktuelle politische und gesellschaftliche Debatte als einen Weckruf und appelliert an ihre Berufsgruppe, sich stärker für ihre Interessen und die ihrer Patient:innen einzusetzen. Noch seien es "nur" Einschneidungen, doch ist es wichtig genau jetzt die Stimme zu erheben, Engagement, Mut und Durchhaltevermögen zu zeigen und sich lautstark in politische Aushandlungsprozesse einzubringen.
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Text, Interviews, Bilder: Hanna Körner
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