Im Salon Sophie Charlotte wird diskutiert und gestritten, eingerahmt von Musik und Performance. Das diesjährige Motto Rebellionen, Revolutionen oder Reformen bietet allen Grund dazu.
Das Klavier setzt zackig ein und die Schauspielerin und Sängerin Hanna Schygulla fängt an zu singen: „O bella, ciao! Bella, ciao! Bella, ciao, ciao, ciao!“. Es ist das Lied von italienischen Partisanen, welches zu einem Lied der Widerstandsbewegung gegen den Faschismus während des Zweiten Weltkrieges wurde. Es ist ein Kampflied, erzählt von Protest und Rebellion. Hanna Schygulla singt es als Lied der Hoffnung und des Widerstands.
Es ist eine aufgeladene Stimmung im Saal des Wissenschaften Akademiegebäudes am Gendarmenmarkt. Hier findet der Salon Sophie Charlotte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt. Die Eröffnungsrede zur ersten Gesprächsrunde von der Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin Sabine Kunst, wird von Konfetti werfenden Studierenden aufgrund der aktuellen Situation am Institut für Sozialwissenschaft erschwert. Nach der kurzen Unterbrechung stellen sich Joschka Fischer, ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Herfried Münkler, Politiktheoretiker und Professor an der HU Berlin und Jutta Sundermann, Aktivistin und Journalistin sowie Mitbegründerin von Attac Deutschland, dem Thema „Ist Europa zu alt für Revolutionen?“. Moderiert wird die Runde von Étienne François, einem deutsch-französischen Historiker, der selbst mitdiskutiert.

Joschka Fischer, Herfried Münkler und Jutta Sundermann bei einer Podiumsdiskussion. © Judith Affolter
Dass die Persönlichkeiten, die auf dem Podium sitzen, polarisieren wird recht schnell klar. Vor allem Joschka Fischer gerät immer weiter in die Rolle des desillusionierten Idealisten, der revolutionär gedacht hat und nun aufgehört hat, an die Revolution zu glauben. Im Dialog mit Jutta Sundermann entwickelt sich eine hitzige Diskussion um Idealismus und Illusion. Dass heute in Westeuropa keine Revolutionen stattfinden, läge daran, dass sie nicht nötig seien, so Herfried Münkler.
Das politische System böte viele Möglichkeiten der Partizipation. Die politische Dimension von Revolutionen ist sicherlich die bekannteste. Auch in Religionen und in Gesellschaften finden Revolutionen statt. Doch auch in den klassischen Wissenschaften und in den Künsten kann man Prozesse beobachten, die als Revolution, Rebellion, Reform oder auch Paradigmenwechsel bezeichnet werden. Allgemeine Bezeichnungen gibt es selten, da die Begrifflichkeiten zunächst definiert werden müssen.

Präsident der Akademie der Wissenschaften spricht über Dimensionen von Revolution und Chancen von Partizipation. © Judith Affolter
Der Akademiepräsident Martin Grötschel sieht gerade darin die Chance des Salons. Hier kommen Wissenschaftler und Experten aus verschiedenen Bereichen und auch Laien zusammen und diskutieren über die verschiedenen Dimensionen von Revolutionen und ihre abgeschwächten Erscheinungsformen.
Eine der größten sogenannten Revolutionen der letzten Jahre ist die digitale Revolution. Computer und Smartphones machen es möglich, zu jeder Zeit, mit jedem in Kontakt zu treten und Informationen abzurufen und Roboter machen menschliche Tätigkeiten überflüssig. In der Gesprächsrunde „Likest Du nur oder lebst Du auch?“ soll den Folgen der digitalen Revolution auf den Grund gegangen werden.
Für Christoph Kucklick, Chefredakteur des Magazins GEO, ist die digitale Umwälzung, die wir zurzeit erleben ähnlich gewaltig, wie die Veränderungen durch den Buchdruck. Er stellt fest, dass sich die Mediensysteme grundlegend umstrukturieren und somit eine Partizipation von allen stattfindet. Dadurch werde unser Rebellionsgeist gedämpft, so Kucklick.
Das Klavier verstummt. Applaus. Im Salon Sophie Charlotte wird diskutiert und gestritten, eingerahmt von Musik und Performance. Auch die Künste stehen in doppeldeutigem Sinne für die Revolution. Sie haben immer wieder den Wandel durchlebt und sind gleichzeitig Unterstützer von revolutionären Handlungen.

Nicht nur die Diskussionen sondern auch die Architektur an diesem Abend ist beeindruckend. © Judith Affolter
Text: Jennifer Weese
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Bunte Wände und schwarze Kritzeleien. Graffiti prägt das Stadtbild von Berlin und löst in der Gesellschaft seit Jahren eine Debatte aus.
Mit „Abbruch Abbruch“ hat die Antilopen Gang letzte Woche ihr neues Album veröffentlicht. Statt bei einer einfachen Party, hat das Rap-Trio ihren vierten Longplayer mit einem Symposium plus Konzert in der Kantine am Berghain vorgestellt. Wir waren dabei und haben Panik Panzer, Koljah und Danger Dan einen Tag später zum Interview getroffen.