Wer auf TikTok auf Looksmaxxing und Männlichkeitscoachings stößt, kann sich sicher sein, Frauenhass und Gewaltfantasien bleiben nicht allzu weit entfernt. Für die zunächst scheinbar harmlosen "Ratgeber" Videos gibt es einen Namen: Sie sind Teil der sogenannten "Manosphere". ALEX-Autorin Hanna Körner ist den Ideologien, Inhalten und der Radikalität der Manosphere auf den Grund gegangen und hat bei Schauspielerin Luzia Oppermann und dem angehenden Psychotherapeut & Content Creator Luis Franz nachgefragt, wie Radikalisierungsspiralen durchbrochen und Gegenangebote für junge Männer geschaffen werden können.
Die sogenannte Manosphere (deutsch: Mannosphäre) auf TikTok ist laut Luzia Oppermann "eine Art Bubble, ein Raum, in dem sich Männer permanent bestätigen, aber auch unterdrücken und dazu anleiten, sich gegenseitig in Einsamkeits- und Gewaltspiralen zu bringen." Oppermann hat sich im Rahmen des Online-Theaterstück "MYKE - Hacking the Manosphere" ihres Kollektivs onlinetheater.live intensiv mit der Szene beschäftigt. Die Manosphere basiert auf dem Maskulinismus oder einfacher gesagt einem radikalisierten männlichen Anspruchsdenken, dass sich laut Oppermann als "Gegenstück zum Feminismus" markiert.
Da lässt bereits vermuten, was direkt unter der Oberfläche der Online-Communities innerhalb der Manosphere und dessen Inhalten schlummert. Hier werden nicht nur männliche Ratschläge zur Selbstoptimierung gegeben, fragwürdige Fitness- oder Dating Tipps ausgetauscht oder Anleitungen wie man nach traditionell-konservativen Rollenbildern zum "richtigen Mann wird", formuliert, sondern gleichzeitig auch antifeministische und frauenfeindliche Ansichten verbreitet. Nicht selten finden sich darunter Videos, in denen Männer mit anderen Männern besprechen, wie eine Frau zu sein hat, damit sie von ihnen akzeptiert werden kann.
Das vermutlich bekannteste Gesicht der Manosphere-Community ist der umstrittene Influencer und selbsternannte „Alpha Male“ Andrew Tate. Gemeinsam mit seinem Bruder Tristan Tate erreichten sie mit frauenfeindlichen Aussagen ein Millionenpublikum an Jugendlichen und jungen Männern.
Im Rahmen der Manosphere und dessen Narrative haben sich verschiedene Gruppierungen wie die "Men’s Rights Activists", Pick-up Artists oder Alpha-/ Manfluencer gebildet, die zwar verschiedene Strategien und Themen verfolgen, aber sich in den propagierten antifeministischen Ansichten einen.
Eine zentrale Gruppierung sind die sogenannten "Incels". Die Abkürzung steht für "unvoluntary celibates", also "unfreiwillig sexuell enthaltsam" und wird von heterosexuellen Männern als Selbstbezeichnung genutzt, die sich über ihre Unfähigkeit definieren, romantische Beziehungen mit Frauen aufzubauen (Stichwort: male loneliness epidemic). Die Schuld daran sehen sie im Feminismus und einer Gesellschaft, die Frauen vermeintlich übergroße Freiheiten bei der Partnerwahl lässt und in der angeblich nur Menschen Sex haben können, die gängigen Idealen entsprechen (Alpha-Male).
Die Incel-Bewegung ist stark von einem patriarchalen Anspruchsdenken mit dem Glauben an ein Recht auf Sex geprägt und steht dabei im engen Zusammenhang mit toxischer Männlichkeit und Maskulinismus. Der Frust der Incels kippt dabei in Misogynie, also Hass auf Frauen, die sich zu Gewaltfantasien und Verschwörungsglauben steigern kann.
Doch warum fühlen junge Männer sich abgeholt? Luis Franz ist angehender Psychotherapeut und klärt auf Social Media unter @soyboyluis zu Mental Health Themen auf. Seiner Erfahrung nach, zieht die Manosphere deshalb so viele junge Männer an, „weil dort reale Themen aufgegriffen werden, die sie tatsächlich beschäftigen“. Es werden echte Probleme von Männern angesprochen: Einsamkeit, Unsicherheit beim Dating, Leistungsdruck, verschobene Rollenbilder und Identitätsfragen.
Die Inhalte der Manosphere nutzen diese "Schwachstellen" laut Luis Franz bewusst aus und „liefern (zu) einfache Antworten darauf, die auch gefährlich sein können“. ("Feminismus ist schuld" oder "Frauen wollen nur..."). „Dadurch wird ein Gefühl von Orientierung vermittelt und die Möglichkeit, etwas an der Situation zu ändern, ohne sich selbst zu hinterfragen“, so Luis. Verlockend, aber ein Trugschluss, der nicht nur nicht funktioniert, sondern obendrauf auch jungen Männern schadet.
Ähnlich einfache Antworten auf das komplexe Thema Männlichkeit bekommen junge Männer von rechten Parteien. In Zeiten von diverser werdenden Männlichkeits- und Rollenbildern und wachsendem Feminismus nutzen sie die Unsicherheiten von jungen Männern und machen ihnen ein politisches Angebot, dass ihnen Aufwertung verspricht: Erfolg, Dominanz und klare Rollenbilder. Exemplarisch dafür steht die Aussage von AfD-Politiker Maximilian Krah, der schon 2023 auf TikTok sagt: "Lass dir nicht einreden, dass du lieb, soft, schwach und links zu sein hast. Echte Männer sind rechts! (…) Dann klappt's auch mit der Freundin."
Wenn junge Männer häufiger rechtspopulistisch wählen, dann geht es auch darum Kontrolle, Macht und Privilegien zurückzuerhalten – eine Korrelation zu den Männern, die sich in der Manosphere aufhalten? Laut der Friedrich-Ebert-Stiftung lassen sich durchaus direkte Zusammenhänge zwischen Gewaltverbrechen und der Incel-Szene ausmachen, die nicht nur antifeministisch, sondern auch rechtsextrem zu verorten sind.
Ist Frauenhass jetzt wieder angesagt? Studien zeigen: Frauenfeindliche Inhalte im Netz nehmen zu, der Ton wird rauer, Radikalisierung verstärkt sich. Besonders die Incel-Bewegung hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen, wobei Gewaltbereitschaft und Hass gestiegen sind.
Das Phänomen entsteht dabei nicht im luftleeren Raum, sondern ist Resultat eines patriarchalen Systems, an dem Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung steht. Männlichkeit ist in den letzten Jahren komplexer geworden, Feminismus lauter. Das hat auch Gegenbewegungen hervorgebracht. Aktuelle Studien der „Financial Times“ zeigen: Je liberaler und progressiver junge Frauen gerade werden, desto konservativer werden junge Männer. Besonders groß ist diese Kluft, die sogenannte „moderne Gender-Gap“/ "global gender divide" laut Studie vor allem in Südkorea, in den USA und in Deutschland. Tendenz steigend.
Doch wie gefährlich ist die Szene? Radikalisierung passiert oft subtil und leise, und vor allem schrittweise. Das zeigt nicht zuletzt die britische Serie "Adolescence", in der ein minderjähriger Junge eine Schulkameradin, von der er sich gedemütigt fühlt, ermordet, nachdem er im Internet auf die Incel Community gestoßen ist. Content Creator und angehender Psychotherapeut Luis Franz erklärt die Radikalisierungsspirale etwa wie folgt: ein Video-Podcast-Clip zu Themen wie Fitness oder Dating schafft den Weg in den persönlichen Feed. Über unverfängliche Themen verschaffen sich die Inhalte Zugang über "Schwachstellen" wie Identitätsfragen oder Unsicherheiten, um dann die persönlichen Probleme mit einfachen Erklärungen zu verknüpfen und gesellschaftliche Entwicklungen oder bestimmte Gruppen (Feminist:innen, Frauen) dafür verantwortlich zu machen.
Der Algorithmus tut dann sein Übriges. Wer etwas zu lange auf einem Looksmaxxing TikTok zur männlichen Selbstoptimierung verweilt, bekommt schnell ähnliche und sich weiter zuspitzende Inhalte im Feed angezeigt. Man gerät in sogenannte Echokammern, die das Gleiche denken: "Der Meinungshorizont wird immer weiter verschoben und gefährliches Gedankengut verfestigt sich zunehmend. Man wertet anders Denkende immer weiter ab, andere Meinungen werden nicht mehr akzeptiert und immer extremere Positionen erscheinen plausibel", erläutert Luis.
Frauenfeindliche Kommentare sind nur das Grundrauschen des Frauenhasses in der Manosphere. Bedrohung und Gewalt findet immer wieder ihren Weg in die Offline-Welt. Dabei können die Radikalisierungsspiralen enorm sein und sollten nicht unterschätzt werden. Auch deutsche Sicherheitsbehörden bestätigen, dass sich die deutsche "Incel"-Bewegung politisch radikalisiert hat und sprechen von einer ernstzunehmenden Bedrohung.
Doch was jetzt? Wie erreicht man junge Männer, bevor sie in solche Ideologien abrutschen? Luis appelliert daran, sich einander wieder mehr zuzuhören und sich selbst mehr zu hinterfragen - auch die Menschen mit einer feministischen Haltung. Sie sind ebenfalls "von Algorithmen und verkürzten Antworten geprägt", so Luis.
Auch müssen die Probleme und Unsicherheiten von Männern als solche ernstgenommen werden, da sind sich Luis und Luzia einig. Denn daran scheitere es bei Gegenangeboten und anderen Gruppen laut Luis oft. Die Lebensrealitäten und Schwierigkeiten von Männern sind real und müssen besprochen werden, denn "wenn sich Menschen nicht verstanden fühlen, sind sie besonders anfällig für Radikalisierung", so Luis. Dabei möchten weder Luis noch Luzia Männer als "Opfer" darstellen. Vielmehr geht es darum, Räume zu schaffen – online UND offline, "in denen junge Männer Sorgen ansprechen können, ohne direkt Schuldige zu konstruieren - damit sie Orientierung finden, ohne sich dabei in radikalen Communities zu verheddern."
Genauso einen Online Raum hat Luzia Oppermann 2024 gemeinsam mit ihrem Kollektiv onlinetheater.live gegründet: Das Online-Theaterstück "MYKE - Hacking the Manosphere". 2024 hat das Kollektiv eine Videokampagne auf TikTok entwickelt und mit Hilfe von Schauspielern wie Lukas Lüdeking verschiedene Fake Accounts junger Männer angelegt, die sich als Manfluencer ausgegeben haben. Das Ziel davon war, die Manosphere und antifeministische Content-Bubbles zu unterwandern und Gegenerzählungen zu toxischen Männerbildern zu entwickeln.
Dabei sollten vor allem die jungen Männer erreicht werden, die an einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen, Fragen oder Unsicherheiten haben oder am Anfang einer Radikalisierungsspirale stehen. Um genau diejenigen auch zu erreichen, haben Luzia und ihr Team "die Ästhetik, die Sprache und die Themen, die die jungen Männer beschäftigen" nicht nur sehr ernst genommen, sondern auch aufgegriffen. So performt der Schauspieler Lukas Lüdeking beispielsweise in den Videos ganz bewusst in Manosphere-Ästhetik und spricht im Andrew Tate Stil zu seinen Followern, also laut Lüdeking in einer "Mischung aus Mentor, großer Bruder und Chef". Allerdings und das ist entscheidend, so Luzia "eher mit einem empathischen Ansatz und dem inhaltlichen Ziel Empathie auch zu fördern". Im Unterschied zu den TikTok Inhalten der Manosphere geht es dem Theaterkollektiv in ihren Videos darum zu vermitteln, dass der Grund für die männliche Krise eher im Konkurrenzdenken als im Feminismus liegt. Außerdem geht es auch um das Wahrnehmen von Gefühlen.
Tatsächlich schaffte es das Theaterprojekt mithilfe der Manosphere Ästhetik und Stil den Algorithmus auszutricksen und erreichte bei 100 produzierten Videos über 4 Millionen Aufrufe, 200.000 Likes und viele gute Kommentare.
Relevant im Vorgehen gegen die Radikalisierung innerhalb von Online Foren und Social Media ist neben den Gegenangeboten allerdings auch die Verantwortung der Plattformen. Laut Luis Franz müssten diese stärker in die Verantwortung gezogen werden, was Algorithmen und radikale Inhalte anbelangt.
Wir haben Luis Franz nach 5 Tipps an junge Männer gefragt. Wie kann Mann es schaffen, "männlich" zu sein, seine Identität zu finden und dabei nicht toxisch zu sein? Das sind Luis' Antworten:
Luis hat aufgehört, Männlichkeit für sich zu definieren. Er fühlt sich als Mann, also ist er einer – egal, in welche Schublade er passt oder nicht.
Mehr zum Thema?
Mehr zu dem Theaterprojekt „Hacking the Manosphere“ findest du bei uns im ALEX Kosmos. Am Berliner Präventionstag 2025 stellte Luzia Oppermann das Projekt vor, das mit dem FAUST-Theaterpreis und Berliner Präventionspreis ausgezeichnet wurde. Wie es das Kollektiv schafft Radikalisierungsspiralen zu durchbrechen, junge Männer aus der Incels-Bewegung ernst zu nehmen und gleichzeitig für "empathische Männlichkeit" zu werben, könnt ihr jetzt hier nachschauen:
Luzia Oppermann über künstlerische Deradikalisierung
Radikalisierung im Netz stoppen
Titelbild: KI-generiert, Bild 2: privat, Bild 3: https://www.onlinetheater.live/
Text & Interviews: Hanna Körner
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