Frauen in der Obdachlosigkeit: Franzi – ein Portrait

Anfang 2024 wurden in Berlin laut Sozialverwaltung insgesamt fast 50.000 Wohnungslose, also Menschen ohne eigene Wohnung, gezählt. Man geht von rund 6.000 Menschen aus, die auf der Straße oder in Behelfsunterkünften leben – Tendenz steigend und Dunkelziffer ausgenommen. Gerade Frauen stehen hierbei vor besonderen Herausforderungen und Bedrohungen. Auch Franzi lebt seit drei Jahren auf der Straße. Seit knapp einem Jahr sitzt sie im Rollstuhl. In einem Gespräch mit ALEX Autorin Kiki erzählt sie unter anderem, wie sie auf der Straße gelandet ist, wie sie die Berliner Hilfsangebote wahrnimmt und was sie sich für ihre Zukunft wünscht

Kottbusser Tor im März - die ersten milderen Tage liegen hinter uns und ich sitze vor einer Bar und warte auf Franzi. Ich bin viel zu dünn angezogen. Die Sonne vom Tag steckt noch in meinem Kopf, aber weder im Beton, noch in der Straße. Franzi und ich haben uns für keine konkrete Uhrzeit verabredet, denn sie muss die Tage nehmen, wie sie kommen. Sie besitzt kein Handy, also warte ich.  

Als ich kurz in die Bar gehe, um mir was zu trinken zu holen und mich aufzuwärmen, sehe ich sie. Franzi kommt in den Raum gerollt. Einige weichen aus, um ihr Platz zu machen, andere bemerken sie nicht - viele grüßen sie herzlich. Sich im Rollstuhl durch den Raum zu bewegen, ist herausfordernd. Die Bar ist nicht barrierefrei, denn um zur Toilette zu kommen, muss man Treppen steigen. Franzi kommt trotzdem oft her, um nach Geld zu fragen und die Barkeeper:innen freuen sich darüber. Meistens bleibt sie noch auf ein gutes Gespräch. Franzi grinst mich breit an und fragt mich, wie es mir geht.  

Mit einer Rhabarberschorle in der Hand bewegen wir uns nach draußen, um in Ruhe zu reden. Hier ist die Luft frischer, der Kopf klarer. „Ich glaube, unter meinem Gips hat sich was entzündet. Ich muss heute noch ins Krankenhaus und überlege die ganze Zeit, wie ich’s mache. Da muss ich dann auch erstmal Geld zahlen, um hinzukommen." Franzi möchte ungern einen Krankenwagen in Anspruch nehmen. Ihr Bein, das vor über einem Jahr verletzt wurde, ist noch nicht vollständig gesund. Physiotherapie, Rückzugs- und Erholungsmöglichkeiten, eine Krankenversicherung – alles fehlt.

„Ich bin 43, geboren in Berlin. Bin jetzt seit knapp drei Jahren auf der Straße”, erzählt sie mir. „Mein Freund hatte damals den Mietvertrag, ich stand nicht drin. Wir waren vier Jahre zusammen. Dann ist er aus der Wohnung geflogen, ich habe seitdem keine gefunden. Da stand ich erstmal alleine mit dem Hund da, einem großen Schäferhund aus dem Tierheim.“ 

Immer mehr Wohnungslose auf den Straßen - nicht nur in Berlin

Nach Angaben der Bundesregierung waren im Jahr 2022 rund 6.900 Frauen in Deutschland offen wohnungslos, das heißt ohne Unterkunft. Das sind etwa 19% aller von Wohnungslosigkeit Betroffenen. Weitere 19.525 Frauen gelten als verdeckt wohnungslos – also etwa 40%. 

Der Unterschied liegt in der Visibilität. Einige Menschen, die keine Wohnung haben, kommen temporär bei Freunden, Bekannten, teilweise auch Fremden unter. Sie schlafen auf Couches, in Garagen oder Schrebergärten. Ihre prekäre Lage ist ihnen jedoch äußerlich nicht anzusehen.
Als offen wohnungslos oder obdachlos werden Menschen bezeichnet, die keine Unterbringungsmöglichkeit haben. Sie leben und schlafen auf der Straße oder in Notschlafstellen, die tagsüber wieder verlassen werden müssen.

Tendenz steigend – auch im Berliner Stadtbild. Das bestätigt auch Natalie, Leiterin der Anlaufstelle für obdachlose Frauen „Evas Haltestelle“. „Wir sehen, dass immer mehr Frauen zu uns kommen – und auch ältere Frauen. Das gab es früher so nicht in dem Ausmaß.“ Franzis Alltag ist ein täglicher Kampf, man könnte sagen: ein Vollzeitjob ohne Feierabend. Notschlafstellen bieten nur begrenzte Plätze, gerade für Frauen: Von den 71 Schlafmöglichkeiten sind nur 8 ausschließlich für Frauen“, so Franzi.

Das Leben als Frau auf der Straße

Das Übernachten im Hostel ist zwar eine Notlösung und für Franzi ein Lifesaver, doch auch teuer. Sie erzählt mir, dass sie dort in einer Art Abstellkammer schlafen darf, in die ihr kurzerhand eine Matratze gelegt wird. „Fünfzehn Euro pro Nacht, und das nur, weil die mich da kennen und mögen. Wenn ich jetzt einfach so in ein Hostel gehen würde, vergiss es. Da würde mir keiner ein Zimmer geben.“

Und selbst wenn doch ein Schlafplatz in einer gemischten Notunterkunft frei ist, können sich viele Frauen nur bedingt erholen: „Man muss auf die Mitarbeiter gucken, ob die jung und fit sind, um einem im Notfall zu helfen. Die haben ein Auge auf die Situation und man kann sich an sie wenden, wenn etwas ist. Aber trotzdem ist man die ganze Zeit in alarmbereitschaft. Man kommt nie richtig runter, schläft nicht in Ruhe.“, so Franzi. Viele Frauen haben in ihrer Vergangenheit Erfahrungen mit Missbrauch oder häuslicher Gewalt gemacht. Einen Schlafraum mit fremden Männern zu teilen, wird daher zur zusätzlichen Belastung.

Was fehlt, ist nicht nur ein Dach über dem Kopf. Was fehlt, ist ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen und sich zurückziehen kann. Natalie von Evas Haltestelle berichtet: „Manche Frauen bauen sich in den Schlafsälen eine Art Höhle über ihr Bett, um einfach mal ein wenig Privatsphäre zu haben.”

Wenn Franzi keinen Platz für die Nacht findet, muss sie improvisieren: Im Sommer bleibt sie nachts wach und schläft tagsüber im Park. Im Winter sucht sie sich, wenn sie nicht genügend Geld fürs Hostel hat, öffentliche Toiletten, die sich abschließen lassen. „Hier in Kreuzberg ist man aber nicht sicher darin. Also fahre ich dann nachts bis zum Tierpark oder noch weiter raus.” Was für viele banal ist – Schlaf, Ruhe, Privatsphäre – ist für Menschen auf der Straße eine tägliche Herausforderung. 

Für Frauen verschärft sich diese Situation. „Man muss aufpassen und immer irgendwie sein Umfeld im Blick haben“, sagt Franzi. Sie beschreibt Männer, die „herumschleichen“ und Situationen, in denen sie bewusst laut oder abweisend wird, um sich zu schützen. „Viele Typen denken, man sei käuflich. Es kann immer gefährlich werden. Ich habe aber eine sehr gute Menschenkenntnis und gehe mit keinem mit.” Franzi schaut mir sicher und stolz ins Gesicht.

„Frauen erleben auf der Straße überdurchschnittlich häufig Gewalt, Ausbeutung oder Abhängigkeiten.”, so Natalie von Evas Haltestelle. Ihre vulnerable Situation wird oft ausgenutzt – getarnt als Hilfsangebot. Viele Frauen versuchen deshalb, ihre Wohnungs- oder Obdachlosigkeit möglichst lange zu verbergen. Etwa, indem sie gepflegt wirken und sich in öffentlichen Räumen aufhalten: Bibliotheken, Malls, Parks. So sind sie weniger sichtbar, was für sie mehr Schutz bedeutet. Gleichzeitig erhalten sie durch ihre mangelnde Sichtbarkeit weniger gesellschaftliche Unterstützung. Die meistens sind sich ihrer Existenz nicht einmal bewusst. Dazu kommen ganz praktische Probleme, über die kaum gesprochen wird: 

Wo kann ich duschen?
Wo kann ich auf die Toilette gehen?
Was mache ich während meiner Periode?

„Hygiene ist ein großes Thema“, berichten die Mitarbeiterinnen von Evas Haltestelle. „Viele nutzen Hygieneprodukte viel zu lange, weil sichere Orte fehlen und das hat gesundheitliche Folgen.“

Bei Evas Haltestelle in Berlin-Wedding finden Frauen, die auf der Straße leben, diverse Hilfsangebote und Gemeinschaft.

Ein anderer Blick auf die Welt in der wir leben

Und doch gibt es für Franzi auch Momente der Freiheit: „Sich spontan entscheiden können. Mich nur um mich kümmern müssen. Die Natur. Morgens die Sonne, alles hat seinen eigenen Rhythmus – das ist schon cool. Man hat einen ganz anderen Blick auf die Dinge“, sagt Franzi. Ihre Perspektive auf andere Menschen hat sich verändert: „Ich bin zum Beispiel nicht mehr so hart mit Leuten, die streng riechen. Manchmal schafft man es energiemäßig einfach nicht, frische Sachen zu kriegen. Mir bieten immer wieder Leute an, dass sie für mich waschen, doch ich brauche ja auch etwas zum Wechseln. Soll ich mich nackt hinstellen und warten, bis die Sachen sauber sind?” Im Gespräch mit Franzi wird mir immer mehr bewusst, wie viel es zu bedenken und organisieren gibt, wenn man auf der Straße lebt. 

Organisation als Überlebensstrategie

Franzis Alltag ist geprägt von Organisation. „Wege zu schaffen“, nennt sie das. Im übertragenen und im praktischen Sinne. Der Alltag ist voller kleiner und großer Hürden: Ein Streik, kaputte Straßen, geschlossene Einrichtungen, fehlende Fahrstühle – alles hat direkte Auswirkungen. „Weil ich nicht anrufen kann, muss ich im Rollstuhl hin rollen. Wenn dann keiner da ist, ist das frustrierend“. Das Leben auf der Straße kennt keinen Stillstand. Es bedeutet permanentes Management in existenzieller Form: das Erarbeiten von Essen, Schlafplätzen, Hygiene und Sicherheit. Und noch dazu „...stößt man krass an die eigenen Grenzen, was das Bewältigen von Bürokratie betrifft.”, sagt sie. Und das tu ja selbst ich manchmal, entgegne ich in aller Aufrichtigkeit.  

Zwischen Hilfe und Ablehnung

„Fühlst du dich wertgeschätzt?", frage ich sie. „Jein. Also doch, eigentlich schon. Manchmal mehr, als ich denke. Da gibt es Tage, da bin ich komplett down und es kommen viele Menschen und sind voll nett. Hey, willst/brauchst du das oder das oder das? Und das ist dann so krass für mich. Die freuen sich, mich zu sehen und da bin ich manchmal echt baff”
Und dann wieder das Gegenteil: Wenn es regnet, wird ein Hauseingang zum Zufluchtsort  – und birgt gleichzeitig Konfliktpotenzial. „Du bist klatschnass, kriegst die Sachen nicht trocken und dann auch noch im Sitzen. Dann ist so ein Ort zum Unterstellen viel wert. Manche wollen mich trotzdem wegschicken, sagen ich bin am falschen Ort, bin hier unerwünscht. Doch viele Bewohner sind dann auch nett. Eine Frau hat mir letztens sogar noch Tee gegeben.” Manche Anwohner helfen - andere nicht. Beides passiert direkt nebeneinander. 

Franzi kennt ihre Gegend und hat Orte, an denen sie immer willkommen ist. Regnet es jedoch plötzlich, oder haben diese Orte geschlossen, ist es oft nicht leicht, einen Unterschlupf zu finden.

Was kann Betroffenen helfen?

Franzi formuliert klar, was ihr helfen würde: „Einfach Häuser, wo man hingehen kann. Mit längeren festen Zeiten oder die sogar immer offen haben.“ Sie benennt das strukturelle Problem: „Es gibt einfach zu wenig. Im Winter gibt es mehr Hilfe, weil sie überlebensnotwendig ist. Ab April fällt die auch weg.“ Tatsächlich werden viele Angebote saisonal reduziert – gerade im Sommer, wenn die Gefahr im Alltag weniger sichtbar erscheint.

Die Herausforderungen auf der Straße bleiben groß. Laut Evas Haltestelle in Berlin ist die Situation für wohnungslose Frauen sehr prekär. Zwar gibt es Ansätze wie Housing First, die Frauen mit Kindern eigene Mietverträge vermitteln, doch die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem.  „Um die vierhundert Personen stehen auf der Warteliste für Housing First. Das heißt, man sagt Menschen über mehrere Jahre immer wieder 'Ja, du stehst auf der Warteliste.' Da durchzuhalten und dranzubleiben, schaffen nicht alle“

Auch finanziell sehen sich Einrichtungen vor Schwierigkeiten: Der Bedarf für mehr Unterkünfte und Hilfsangebote steigt konstant an, doch die Gelder, die bei den Förderanträgen bewilligt werden, bleiben gleich.", so Natalie. Mehr finanzielle Unterstützung vom Staat, mehr Visibilität – doch was kann man selbst im Alltag beitragen?

„Janita-Marja Juvonen, die selbst jahrelang auf der Straße lebte und Autorin des Buches “die Anderen” ist, erzählte bei einem Vortrag: Ihr wurde so oft Kaffee angeboten. Sie wusste das zu schätzen, doch sie hätte sich gewünscht, dass man sie gefragt hätte, ob sie was anderes braucht”, erinnert sich Clara, Sozialarbeiterin bei Evas Haltestelle. „So hätte sie sich gesehen gefühlt.”

Was fehlt in der Obdachlosigkeit?

„Wir Menschen auf der Straße haben eine wichtige Funktion, weil wir alles mitkriegen – Streiks, Wetter, politische Stimmung, feinste Entwicklungen. Würde man uns öfter fragen, hätten wir viel beizutragen.”, sagt Franzi. Ihr Wunsch ist klar: ein stabiler Ort, Gesundheit, Selbstständigkeit: „Gerade erstmal eine richtige Unterkunft, Krankenhaus und mein Bein – dass ich wieder laufen kann. Ich muss mich um meine Gesundheit kümmern.“

Natalie spricht von den Frauen in ihrer Einrichtung mit viel Wärme in ihrer Stimme: Hier gibt es so viele menschliche Ressourcen und Fähigkeiten, so viel Frauenpower! Und so viele Dinge, die die Frauen zurückgeben.” Ich weiß genau, was sie meint: Franzi ist ein Kämpfernaturell, dabei freundlich, offen und ehrlich. Sie fragt Menschen, wie es ihnen geht, weil sie die Antwort wirklich hören möchte. „Ich bin wahnsinnig dankbar für alle Leute, die helfen“, sagt sie. “Die Essen verteilen, Kleidung bringen, sich kümmern. Das sind alles Menschen, die das freiwillig machen.“ Sie schaut kurz zur Seite, dann wieder zurück. „Ohne die würde es gar nicht gehen. Auf der Straße merkt man, wie wichtig jede menschliche Begegnung ist.“

Ich danke Franzi für das Gespräch und schaue ihr nach, als sie sich nach unserem Gespräch nachts noch auf den Weg macht, um das Bein untersuchen zu lassen. Ich hoffe, dass sie fühlt, welch eine Bereicherung auch sie für das Leben vieler Menschen bedeutet. 

Weitere Inhalte zum Thema Obdachlosigkeit findet ihr im ALEX Kosmos.

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