Filme – Kinos – Menschen: Programmkinos in Berlin

"Ein Film beginnt, wenn er zu Ende ist. Er beginnt in Gesprächen, im Austausch der Meinungen. Da kristallisiert sich der Traum, den wir gerade gesehen haben. Und in dieser seelischen Arbeit wirst Du ein bisschen besser, freier und offener." (Naum Kleiman)

Wanderkino im Fahrradladen velophil

Drinnen rollen die Räder des LKW über die Leinwand, draußen werden Container von Zügen und Schiffen auf LKWs verladen. Der Dokumentarfilm A Parked Life (2022) folgt einem bulgarischen Fahrer auf seinen z.T. über Wochen andauernden Touren durch ganz Europa. Ort der Vorstellung ist ist das Logistikzentrum BEHALA am Westhafen und sie ist ausverkauft – es werden noch Stühle aus den anliegenden Büros organisiert.

Veranstalter des Abends ist Kino für Moabit, ein gemeinnütziger Verein, der seit 15 Jahren auf der Moabiter Insel und darüber hinaus ein Wanderkino organisiert. Damit knüpfen sie an die früheste Form des Kinos an, als es noch in Form des sogenannten "Cinema of Attractions" Teil von reisenden Jahrmärkten war und visuell spektakuläre Kurzfilme aus der Welt (damals vor allem der westlichen Welt) zu den Menschen brachte. Zur Arbeit von Kino für Moabit gehörten aber mehr als nur die Organisation eines Ortes, der den Anforderungen für eine Kinovorstellung entspricht – zu vielen Vorführung wird im Anschluss ein Publikumsgespräch mit einem Gast geführt. An diesem Abend sind der Regieassistent Plamen Bontchev und Reinhard Fischer von der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, welche auch Kooperationspartnerin für diese Vorführung ist, dabei.

Vom ersten Kino zum Multiplex

Mit diesem Programm ist Kino für Moabit ein kleiner Teil der einzigartigen Kinolandschaft Berlins. Die ältesten noch aktiven Kinos der Stadt (das Moviemento und die Tilsiter Lichtspiele) bestehen seit weit über 100 Jahren und haben somit die Kaiserzeit, die Weimarer Republik und das Dritte Reich (und damit zwei Weltkriege) sowie die Teilung und Wiedervereinigung von Berlin erlebt. Dazu kommen natürlich die Veränderungen in der Filmkultur und den entsprechenden technischen Neuerungen – vom Stumm- zum Tonfilm, von Schwarz-Weiß zu Farbe, von Zelluloid zum Digital Cinema Package, von einer Monopolstellung für audiovisuelle Inhalte zur Koexistenz mit Fernsehen und Streamingdiensten.

Denn Filme brauchen auch 2025 noch Kinos. Blockbuster profitieren von der großen Leinwand und herausragenden Soundsystemen, viele kleinere Filmproduktionen bleiben ohne Kinovorstellung und die daran anschließende Kommunikationsarbeit komplett unsichtbar.

Aktuell gilt Berlin mit etwa 250 Sälen verteilt auf ca. 100 Kinos als Kinohauptstadt, es gibt weltweit kaum eine weitere Stadt einem so großen Angebot. Diese Zuschreibung bezieht sich aber nicht nur auf die Anzahl, sondern auch auf die Vielfalt der Kinos.

A Parked Life in der BEHALA, Vorbereitung für die Vorstellung

Aber was für Kinos finden sich in Berlin?

Am bekanntesten sind die sogenannten Multiplexe. Große und modern ausgestattete Kinos mit mehreren Sälen zeigen die aktuellsten Blockbuster (oft aus dem amerikanischen Raum) und präsentieren aufregende technische Neuerungen nicht nur bei Bild und Ton, auch bei der Ausstattung der Kinosäle (man denke nur an die Pärchensessel …). Hier sind oft mehrere Kinos in einer Kette organisiert, die z.T. auch über Landesgrenzen hinausgehen, was diese Kinos wirtschaftlich verhältnismäßig krisensicher macht.

Zum Stadtbild gehören zudem die Programm- bzw. Arthouse-Kinos. Während die Multiplex-Ketten oft in ihrer Atmosphäre und Programmgestaltung oft austauschbarer sind, prägen hier der Standort in einem bestimmten Kiez, die Geschichte sowie die inhaltliche Ausrichtung das Programm. Das bedeutet aber nicht, dass diese Kinos klein sind – sie können trotzdem mehrere Säle bespielen oder (wie einige Freilichtkinos) mit bis zu 1500 Sitzplätzen ausgestattet sein. Neben digitaler Technik sind einige dieser Kinos zusätzlich mit analogen Projektionsmöglichkeiten ausgestattet. Zu den Veranstaltungen dieser Kinos gehört neben Premieren unabhängiger Produktionen oder der Beheimatung von lokalen und internationalen Filmfestivals auch Partys, Lesungen oder Sonderaktionen wie z.B. "Stricken im Kino" – der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Programmkinos sorgen für die Pluralität im Programm der Berliner Kinos.

Ein Paradebeispiel für ein Programmkino ist z. B. das Kino Krokodil im Prenzlauer Berg. Seit 2004 werden hier insbesondere Filme aus Mittel- und Osteuropa gezeigt – einige der Produktionen sind in keinem anderen Berliner Kino und auch nicht auf Streamingdiensten zu finden. Das Kino selbst existiert seit 1912 unter dem Namen "Nord Lichtspiele" und ist damit das älteste, noch aktive Kino im Bezirk. Zum Kino gehört zudem eine Sammlung digitaler wie analoger Filmkopien und weiterer filmaffiner Gegenstände.

Die dritte Säule sind die sogenannten Kommunalen Kinos, zu denen auch das bereits vorgestellte Kino für Moabit zählt. Diese Gruppe ist mit fünf Kinos die kleinste der hier vorgestellten Typen. Zum Konzept gehört, einen Ansatz der Filmbildung zu verfolgen und oft auch, auf verschiedene Arten das Erbe der Filmkultur zu bewahren und durch Verknüpfungen mit der aktuellen Zeitgeschichte zugänglich zu machen – daher bietet es sich für ein Kommunales Kino an, wenn es bereits an ein Museum oder ein Filmarchiv angeschlossen ist, aber auch Vereine oder studentische Kinoprojekte können sich dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit e.V. anschließen. Die hier gezeigten Filme sind seltener aktuelle Premieren, sondern besteht stattdessen Filmreihen, die sich an aktueller Forschung der Filmgeschichte und Gesellschaftlichen Diskursen anschließen möchten. Um dem Bildungsanspruch gerecht zu werden, werden die Vorführungen oft von einleitenden Vorträgen oder anschließenden Publikumsgesprächen begleitet. Besucht werden sie insbesondere von Fans des historischen Kinos bzw. des internationalen (nicht primär amerikanischen) Kinos. Mehr als die anderen Kinotypen werden die Kommunalen Kinos oft mit einer Menge ehrenamtlicher Arbeit betrieben.

Selbstverständlich sind die Übergänge zwischen diesen Kategorien sind fließend. Nicht jedes Programmkino ist auf öffentliche Förderung angewiesen und auch in Multiplexen orientieren sich in ihrer Programmierung daran, welche Interessen sich im lokalen Publikum absetzen (mehr Action, mehr Familienfilme etc.).

Wie finanzieren sich Kinos?

Kinos jeder Coloeur finanzieren sich selten (wenn nicht sogar nie) ausschließlich über Ticketverkäufe (diese liegen je nach Kino und Film zwischen vier und 20 Euro), sondern werden querfinanziert. Die Konzepte hier sind so vielfältig wie die Berliner Kinolandschaft, oft findet sich aber eine Kombination aus einem kleinen oder größeren gastronomischen Angebot, Werbung, Kooperationen und Mitgliedschaften, Kollaborationen und Saalvermietungen, öffentliche Förderung, Unterstützung durch angeschlossene Vereine oder Kulturprojekte und so weiter… . So werden Kosten wie Miete, Personal, Betriebskosten, die Screening Fee für die Filme, die Kommunikationsarbeit und alles, was sonst ansteht, finanziert. Je höher der kulturelle Anspruch und aufwändiger die Programmierung, umso mehr steigt das das wirtschaftliche Risiko, aber umso höher auch der gesellschaftliche und kulturelle Mehrwert.

Bei Programmkinos reicht der Profit aus den Umsätzen oft nicht für größere Rücklagen. "Wenn es gut läuft, dann reicht es mal für einen Eimer Farbe, um die Wände neu zu streichen oder […] für einen neuen Popcornwärmer. Aber das Problem, was wir bei Kinos haben: Die Erlösstruktur ist nicht ausreichend für eine Rücklagenbildung. […] Und wenn ich dann eine neue Lüftung oder einen neuen Brandschutz kaufe, dafür zahlt ja keiner mehr Eintritt," sagt Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino – Gilde für Filmkunsttheater e.V. und fügt hinzu "Kinos sterben langsam."

"Programmkinos sterben langsam"

Dabei gehört das Kino im Rahmen der durch öffentliche Gelder geförderten Kultur zu den geringeren Ausgaben, insbesondere, da sie milieuübergreifend zu den meistfrequentierten kulturellen Freizeitveranstaltung gehören. So werden z.B. vom Medienbord Berlin-Brandenburg im Rahmen des Kinoprogrammpreises insgesamt eine Million Euro ausgeschüttet, im Jahr 2025 ging es in Abstufungen von 10.000 Euro bis 40.000 Euro an insgesamt 45 Berliner Programmkinos. Weitere Förderungen (Modernisierungs- bzw. Zukunftsförderungen) werden vom Land Berlin mit dem Bund kofinanziert und liegt zur Zeit aufgrund des fehlenden Haushalts auf Eis – der Stichtag hier ist der 4. September. Darüber hinaus haben Kinos mit mindestens 30.000 Besucher:innen pro Jahr und einem vorwiegend europäischen Programm die Möglichkeit, eine Förderung von Creative Europe zu beantragen.

Das Kino für Moabit ist in Bezug auf die Besuchszahlen und die Anzahl der Vorstellungen zu klein für derartige Förderungen – trotz seines Status als Kommunales Kino. Bisher wurde der Verein durch eine kleine Förderung aus dem Bezirk unterstützt, zudem wurden für einzelne Veranstaltungen Kooperationen organisiert, wie z. B. die Vorstellung von A Parked Life (2022). Die Förderung aus dem Bezirk läuft Ende 2025 aus, eine Verlängerung ist bisher nicht in Sicht. Eine Streichung würde einen herben Schlag für den Verein bedeuten. Mit dem Wanderkino-Konzept des Vereines geht ein erheblicher organisatorischer Aufwand einher, der ohnehin zum großen Teil ehrenamtlich geleistet wird. Zusätzlich für jede Veranstaltung individuelle Förderungen zu akquirieren, würde es unmöglich machen, das bisherige Programm aufrecht zu erhalten.

Im Gegensatz dazu ist das Kino Krokodil ist nicht nur Nutznießer des Kinoprogrammpreises, sondern bezeichnet diesen als essenziell für das Fortbestehen des Kinos, und das – obwohl das Kino nach der Pandemie (nach eigener Angabe) mehr Besucher:innen als vorher empfängt und das Publikum tendenziell auch jünger ist.

Wanderkino im Fahrradladen velophil

Besuchzahlen gehen zurück

Das kontrastiert eine Studie des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung, welche Daten aus den Jahren 2019 und 2023 auswertete und gegenüberstellte. In dieser Studie („Kulturelle Teilhabe in Berlin 2023“) wurde festgestellt, dass die Besuchszahlen von Kulturveranstaltungen und kulturellen Freizeitangeboten durch die Bank (von Klassikkonzerten über Museums- und Stadionbesuch bis hin zur Clubnacht) noch nicht wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht haben. Während 2019 noch mehr als 90% der Berliner:innen über einen Zeitraum von zwölf Monaten durchschnittlich elf kulturell-künstlerische Freizeitangebote wahrgenommen haben, sind es 2023 nur noch knapp 80% der Bevölkerung und die Anzahl der Besuche hat sich auf etwa sieben reduziert. Einige Häuser und Einrichtungen verzeichnen Einbußen von bis zu 50% bei ihren Besuchszahlen.

Obwohl auch bei Filmvorführungen signifikante Rückgänge zu vermerken sind (von 82% auf 65%), sind diese immer noch das meistfrequentierte kulturelle Freizeitangebot, und zwar über die Grenzen verschiedener demografischer und sozialer Gruppierungen Berlins. Im Kino wird die angestrebte Möglichkeit der kulturellen Teilhabe für alle Bürger:innen am besten erreicht, auch durch die Vielzahl der Kinos, die Vielfalt der Programme und der niedrigschwellige Zugang.

Um diesem Rückgang entgegenzuwirken, ist es wichtig, sowohl die Vielfalt der Kinos und des Filmangebots als auch die Zugänglichkeit der Vorstellungen durch Lokalität und das Niveau der Eintrittspreise zu erhalten. Bräuer betont insbesondere auch die Relevanz für den gesellschaftlichen Austausch, den es zu bewahren gilt: "Kulturorte sind Orte der Sicherheit, und wenn wir sehen, wie viele illiberale Kräfte es gibt und das wenige Unternehmen wahnsinnig viel entscheiden; was wird produziert, was wird gesehen? Wenn jetzt auch noch Künstliche Intelligenz kommt, dann brauchen wir die Kulturorte und damit auch die Arthouse-Kinos als Marktplatz freier Ideen. [Bei den Programmkinos] ist es eben nicht so, dass ein Unternehmen entscheidet: Was wird gezeigt? Wie darf man sehen? Und was wird diskutiert?"

Kein Kiez ohne sein Kino

Im Kino Krokodil mit einem so klar abgesteckten Profil nicht nur von Fans des mittel- und osteuropäischen Kinos besucht, sondern auch von Mitbürger:innen aus dem Kiez, die der kuratorischen Arbeit des Kinos vertrauen und daher bereit sind, sich auf das Programm einzulassen. Wie wichtig der Ort für die Anwohner:innen tatsächlich ist, durften Gabriel Hageni und das Kino Krokodil während der Pandemie feststellen, als mit großem Erfolg eine Freilichtvorstellung auf der Greifenhagener Straße stattfand, um Spenden zu sammeln. Zuspruch kam an dieser Stelle nicht nur vom Stammpublikum, sondern auch von Nachbar:innen, welche das Kino ansonsten nicht besuchen, seine Existenz aber trotzdem als eine Aufwertung des Kiezes beurteilen.

Bei Kino für Moabit ist die Verankerung im Kiez durch den Wanderkino-Charakter noch deutlicher zu erkennen – im Laufe des fünfzehnjährigen Bestehens hat der Verein an über 70 Orten Vorstellungen organisiert und so Kinofans und ortsspezifisches Publikum verbunden und möchte auch weiterhin "mit den moderierten Filmgesprächen und Diskussionen einen Gegenpol zur wachsenden Isolation und dem Rückzug der Zivilgesellschaft setzen". (Website moabiter-filmkultur.de).

Vielen Dank an Dr. Christian Bräuer von der AG Kino, an Gabriel Hageni vom Kino Krokodil und an Maren Dorner von Kino für Moabit für die Gespräche.

Ihr seid neugierig, was euer Kiez an spannenden Kinos zu bieten hat? Dann schaut gerne beim Kinokompendium vorbei!

Text & Bilder: Charlotte Münstermann

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