Vom Flüchtling zum selbständigen Fahrer: Mohameds Geschichte

Es ist dunkel. Die Straßenlampen leuchten. Autos fahren dicht gedrängt hin und her. In Berlin scheinen die Straßen niemals zu schlafen. Mohamed kennt diese belebten Wege auswendig. Nach einem Jahrzehnt in Berlin ist er mit den Straßen und Plätzen der Stadt vertraut. Konzentriert fährt er durch die Nacht. Gleich holt er seinen nächsten Gast ab. Jeden Tag bringt Mohamed zahlreiche Leute durch Berlin, denn das ist die Arbeit von Mohamed: Er ist Fahrer.

Seit über vier Jahrzehnten nennt Mohamed Deutschland sein Zuhause. Schon mit 16 Jahren musste er sein Heimatland aufgrund des Golfkrieges zwischen Iran und Irak verlassen. „Die Welt zwang mich zu gehen, aber Deutschland hat mich aufgenommen“, sagt er. Seit zehn Jahren lebt er nun in dieser pulsierenden Metropole, wo fast vier Millionen Menschen täglich ihr Leben gestalten. In einer bescheidenen Wohnung, groß genug nur für ihn allein, findet er Ruhe inmitten des urbanen Trubels. Seine Ex-Frau und die drei Kinder leben weit entfernt in Düsseldorf, doch trotz der Entfernung sind sie fest miteinander verbunden. Er telefoniert jeden Tag mit seinen Kindern, die ihm alles bedeuten.

Als Fahrer verbringt er täglich Stunden hinter dem Lenkrad. Mohamed hat weder festgelegte Arbeitszeiten noch ein festes Gehalt. „Fahr die ganze Woche, nur abends oder am Wochenende. Verdiene zusätzliches Einkommen, wann immer du es brauchst. Du bist der Boss!“, wirbt Bolt auf ihrer Webseite. Jedoch kommt die Freiheit der Selbständigkeit mit einem hohen Preis.

Auf der Suche nach einem besseren Leben

Vor vierzig Jahren brach der erste Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak aus. "Ich musste mein Zuhause verlassen, um zu überleben", erinnert er sich. Sein Weg führte ihn vom Konflikt zwischen den zwei Ländern in eine ungewisse Zukunft in Richtung Hoffnung. Mit gerade einmal 16 Jahren verließ Mohamed seine Familie und suchte nach einem besseren Leben in Deutschland. "Diese Zeit werde ich nie vergessen", sagt er nachdenklich. Heute, im Alter von 56 Jahren, beherrscht er drei Sprachen: Arabisch, Italienisch und Deutsch.

Seit 2014 nennt er Berlin sein Zuhause, genauer gesagt den lebendigen Stadtteil Lichtenberg. Inmitten des pulsierenden Lebens dieser Stadt hat er sich ein neues Zuhause geschaffen. Seit drei Jahren ist Mohamed nun als freiberuflicher Taxi-Fahrer tätig. Mit einem Lächeln auf den Lippen erzählt der 56-Jährige: "Ich kann arbeiten, wann immer ich möchte. Ich kann auch bis 10 Uhr ausschlafen. Ich arbeite selbständig". Seine Aufträge findet er mithilfe einer Onlineplattform.

Das Spiel der Provisionen bei Bolt, Uber und Free Now

Vermittlungsdienste wie Bolt, Uber und Free Now sind Plattformen, die die traditionelle Mobilität revolutioniert haben. Solche Unternehmen bieten Nutzenden eine Vielzahl von Transportmöglichkeiten über ihre App an, darunter Mietfahrzeuge und Carsharing. Laut Bolt wurden im Jahr 2023 über 4,8 Millionen Fahrten weltweit unternommen. Trotzdem ist keines dieser Unternehmen ein Taxiunternehmen. Sie bieten lediglich eine Plattform an, welche Fahrer: innen und Fahrgäste zusammenbringt.

Es gibt zahlreiche freie Fahrzeuge zu unheimlich günstiger Preisen, die rund um die Uhr verfügbar sind. Für Kund: innen ist dies attraktiv. Doch die wahren Preise zahlen die "Selbständigen". Hinter den Kulissen lauert das Spiel der Provisionen. Die Fahrer: innen sind entweder Selbständige oder Angestellte bei einem Partnertaxiunternehmen. Generell erheben die Plattformen eine Service Gebühr, die zwischen 15% bis 25% liegen. Diese variieren je nach Stadt. In Berlin liegt diese Gebühr bei 25% der Fahrtkosten. Die prozentuale Auszahlung an die Fahrer: innen unterscheidet hierbei zwischen den Selbstständigen und den Angestellten eines Partnertaxiunternehmen.

Für die Fahrer:innen bleiben 5,85 Euro übrig

Angestellte für ein Mietwagen- oder Taxiunternehmen zahlen neben der Servicegebühr von 25% auf die übergebliebenen 75% zusätzliche 55% direkt an ihr Unternehmen. Zum Beispiel kostet eine Fahrt von der S-Bahn-Station Lichtenberg zur S-Bahn-Station Ahrensfelde 18 Euro. Hiervon nimmt sich die Plattform 4,5 Euro. Außerdem nimmt das Unternehmen 7,15 Euro. Für die Fahrer:innen bleiben nur noch 5,85 Euro übrig.

Bei ruhigem Verkehr dauert diese Fahrt zwar nur 15 Minuten, aber der Haken liegt bei den nicht vorhersehbaren Abholzeiten und somit bei Leerfahrten. Beispielsweise können Fahrer: innen mit vier Fahrten je 15 Minuten rund 23,4 Euro verdienen. Dieser Stundenlohn klingt zwar attraktiv, ist allerdings von vielen Faktoren abhängig und in der Praxis eher unwahrscheinlich. Mit viel Glück bekommt man viele Kund: innen in der Nähe, sonst hat man einfach Pech. Fahrer: innen müssen oft lange auf die nächste Fahrt warten oder Gäste aus weiter Distanz abholen und währenddessen gibt es keine Bezahlung.

Die EU schätzt, dass fast 4% der Einwohner in ganz Europa, etwa circa 28 Millionen Menschen, für eine dieser Fahrvermittlungs-Plattformen arbeiten.

Der Einstieg ist niedrigschwellig, die Konkurrenz hoch

Freiberuflich Fahrer: in zu werden, ist sehr einfach. Dafür ist kein Bewerbungsgespräch nötig. Mohamed musste nur seinen Führerschein und andere Dokumente online hochladen. Sobald die Dokumente verifiziert wurden, meldete sich die Plattform bei ihm. „Innerhalb von drei Tagen kannst du loslegen“, wirbt Bolt. Doch die Konkurrenz in dieser Arbeit ist ultrahoch. Die Fahrer: innen arbeiten direkt gegeneinander, um mehr Fahrten zu bekommen, weil sie nur nach Leistung, statt nach Stunden bezahlt werden. Darüber hinaus müssen Fahrer: innen alle Straßennutzungsgebühren, zum Beispiel wenn man über bestimmte Brücken oder Tunnel fahren muss, und Parkgebühren selbst übernehmen.

Der Fahrpreis wird nach verschiedenen Faktoren berechnet. Je höher der Fahrpreis ist, desto mehr verdient Mohamed. Wenn er in Stoßzeiten oder bei extremem Wetter fährt, kann er dementsprechend mehr verdienen. „Ich hole oft Gäste vom Flughafen ab, das ist entspannter“, verrät Mohamed. Seine Plattform bietet Gästen  direkt Fahrten vom Flughafen an. Dabei entsteht aber eine zusätzliche Gebühr. „Ich brauche nur vier Fahrten vom Flughafen in die Stadt am Tag. So reicht es mir schon. Danach Feierabend!“, scherzt er. Wäre das Leben immer so einfach. Doch nach jeder Flughafenabholung muss Mohamed wieder auf sein Glück hoffen, um die nächste zahlungswillige Fahrt in Richtung Flughafen zu finden. Jeden Tag dasselbe Spiel. Ansonsten ist er abends in der Stadt unterwegs, auch lange nach Sonnenuntergang.

Jeder Husten ist eine Lücke im Geldbeutel

Als Fahrer gibt es keine festen Arbeitszeiten oder Ruhepausen. „Fahre abends oder am Wochenende oder erhöhe deinen Umsatz, indem du öfter fährst. Die Entscheidung liegt bei dir“, lockt Bolt mit Freiheit und Geld. Mohamed arbeitet sechs Tage die Woche. Obwohl die Preise abends und am Wochenende höher sind als sonst, erhalten Fahrer: innen weder Nacht- noch Wochenendzuschläge. Sie verdienen nur so viel, wie sie gefahren sind. Ein ständiger Balanceakt zwischen Freiheit, Flexibilität und dem Streben nach einem ausreichenden Einkommen.

In der Welt der Unabhängigen liegt noch eine weitere Kehrseite. Es gibt keine Krankenversicherung für Fahrer: innen. Ohne Versicherung ist jeder Husten eine Lücke im Geldbeutel. Heute geht Mohamed zum Arzt, frühmorgens, lange bevor die Welt erwacht. "Bis ein Termin frei ist, dauert es zu lang", murmelt er. Ohne Termin bedeutet es warten, stundenlang, ohne Bezahlung. "Ich verdiene nur, wenn ich fahre". So ist die Realität der Selbständigkeit, alles selbst und ständig. Im Wartezimmer der Ärztin wartet die nächste Hürde: die Sprache. Von der Terminvereinbarung bis zur medizinischen Beratung, jeder Schritt erfordert ein gewisses Maß an Deutschkenntnissen. Mohamed hatte das Glück, die Sprache schon in jüngerem Alter zu erlernen und nun beherrscht er sie. Doch tausende Einwandernde haben nicht immer so viel Glück. Alleinerziehende Mütter, Arbeiter mittleren Alters und viele andere stehen oft vor einer enormen Herausforderung, wenn sie sich in einem fremden Land zurechtfinden wollen. Gleichzeitig müssen sie oft ihre Familien im Heimatland finanziell unterstützen. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse oder sicherem Aufenthaltsstatus gehören Überstunden, schlechte Arbeitsbedingungen und eine fehlende Krankenversicherung zu ihrer Realität. Krankheitstage sind für sie eine Illusion. Leider kommen sie dadurch oftmals sehr spät zum Arzt, was nicht selten im medizinischen Notfall endet. So weit ist es bei Mohamed noch nicht gekommen. Er ist zufrieden mit seiner Ärztin.

Mohamed ist seit drei Jahren als Fahrer in der Stadt unterwegs

"In Berlin kann man gutes Geld verdienen"

Am Wochenende wartet auf Mohamed eine besondere Reise. Er besucht seine Kinder in Düsseldorf. Nach Monaten der Trennung sind sie endlich wieder vereint. Eine Zugfahrt von über vier Stunden trennt ihn im Alltag von seinen Liebsten. Sein Koffer ist voller Geschenke für sie. "Für meine Kinder tue ich alles", sagt er entschlossen. "Als das Auto meines Sohnes letzten Monat kaputtgegangen ist, habe ich ihm sofort ein neues besorgt. Kein Problem." Doch über mehr Besuche ihres Vaters würde sich auch Mohameds Tochter sehr freuen. "Ein Mädchen braucht ihren Papa, das weiß ich. Aber ich kann nicht öfter kommen, es ist einfach zu weit weg."

Mohamed kommt seine Kinder einmal jede sechs Monate besuchen. Komplett nach Düsseldorf zu seiner Familie umzuziehen, hat er nicht vor. "In Berlin kann man gutes Geld verdienen, in Düsseldorf nicht", schüttelt Mohamed den Kopf. Das typische Jahresgehalt in Düsseldorf liegt im Jahr 2023 bei 38.028 Euro netto, während es in Berlin bei nur 28.974 Euro liegt. Aber es gibt in Berlin schlicht mehr Fahrten. Mit 18,2 % aller Taxifahrer-Stellenangebote, steht Berlin an Deutschlands Spitze. In Düsseldorf hat Mohamed eine geringere Möglichkeit, seine Arbeit auszuüben. Und als Migrant fühlt sich Mohamed unsicher, seine Arbeitssituation nochmal zu wechseln. Nicht nur die anspruchsvolle Jobsuche, auch der komplexe Bewerbungsprozess schrecken ihn ab – alles erscheint ihm zu überwältigend.

"Ich bin zufrieden mit meinem aktuellen Lebensstandard. Hier in Berlin habe ich einen guten Job und eine schöne Wohnung und vor allem meine Freiheit. Was kann man mehr vom Leben verlangen?" meint Mohamed mit einem Lächeln. In seiner knappen Freizeit trifft er sich mit seinen Freunden und Freundinnen, genießt ein Bierchen und sie reden über die Welt. Jeder Augenblick auf den Straßen Berlins ist für ihn ein Moment des Glücks, ein Moment, um den Stress des Alltags hinter sich zu lassen und Ruhe zu finden. "Früher habe ich in der Küche gearbeitet", erinnert sich Mohamed. „Die Atmosphäre dort hat mir überhaupt nicht gefallen. Immer gab es Stress entweder mit dem Chef oder einem Kollegen." Als Fahrer in Berlin, hat Mohamed endlich das Gefühl von Frieden gefunden zu haben, nach dem er gesucht hat.

Abgespannt nach einem vollen Tag kehrt Mohamed wie jeden Tag nach Hause zurück, Feierabend – die Zeit, seine Tochter anzurufen. "Hallo Papa!" Das ist der Moment, auf den er den ganzen Tag gewartet hatte. Auch wenn es nur eine halbe Stunde ist. Das Telefonat vor dem zu Bettgehen seiner Tochter ist ein Highlight des Tages. Mohamed sagt seiner Tochter gute Nacht, dann kann auch er sich langsam entspannen, bevor es morgen wieder auf die Straßen Berlins geht.

 

Interview: Gin Bui, Text: Gin Bui & Fritzi Flachmann, Titelbild: Pexels, Tim Samuel

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