Seit gestern, den 30.06.26 soll das Cassiopeia, der Kultclub auf dem historischen RAW Gelände, geschlossen und die Fläche geräumt sein. Das war zumindest die letzte offizielle Information der Immobiliengruppe Kurth, die nur kurz zuvor, Mitte Juni 2026, ein Kündigungsschreiben an den Geschäftsführer des Clubs Florian Falkenhagen gesendet hatte. Ist der Berliner Club Cassiopeia und weitere Institutionen auf dem RAW Gelände bald Geschichte?
Vollkommen unerwartet wurde das Cassiopeia wie weitere Locations auf dem RAW Gelände Mitte Juni mit einer Hiobsbotschaft überrascht: eine Räumungsaufforderung von innerhalb zwei Wochen. Nicht nur die Kulturszene reagiert schockiert. Wie der aktuelle Stand ist und ob nochmal neue Verhandlungen aufgenommen werden konnten, ist heute morgen, am 1. Juli, noch ungewiss.
„Man gibt uns das Gefühl, dass man mitreden kann.“ Diesen Satz sagte Florian Falkenhagen, einer der Geschäftsführer und Clubbetreiber des Cassiopeia im Interview zum Beitrag „Wandel auf dem RAW Gelände“ unserer Kollegin Sophie Ehmke im Sommer 2024. Auch Ende April 2026 schaut Falkenhagen noch positiv auf die Gespräche über die Zukunft des RAW Geländes mit dem Eigentümer, und hat das Gefühl gemeinsam „einen gangbaren Weg für die nächsten Jahre“ gefunden zu haben.
Offensichtlich war dieses Gefühl ein leeres Versprechen, denn nun geht es in den letzten Wochen Schlag auf Schlag. Die kurzfristige Räumungsaufforderung lässt kaum Zeit für Demonstrationen oder Lösungsvorschläge. Die Gespräche und jahrelangen Verhandlungen zwischen Eigentümer, Clubbetreibern und dem Senat sind zunächst gescheitert.
Das Cassiopeia gibt es seit 2005 auf dem RAW Gelände. 2015 hatte die Göttinger Kurth Gruppe einen Großteils des RAW Geländes für rund 20 Millionen Euro gekauft. Schrittweise soll sich das Areal seitdem zu einem gemischten Stadtquartier mit Wohnungen, Büros und Kulturstätten entwickeln. Darauf hatten sich Eigentümerin der Kurth-Gruppe, Bezirksamt und die Menschen aus Gelände und Umfeld im Jahr 2019 nach einem mehrjährigen Dialogverfahren geeinigt. Zwischen dem Investor, der Stadt Berlin und den ansässigen Kulturbetrieben gibt es seither immer wieder langwierige Verhandlungen und Konflikte rund um den Erhalt der soziokulturellen Einrichtungen.
Das bestätigt auch Florian Schmidt, Baustadtrat Friedrichshain-Kreuzberg, B‘ 90 /Grüne: "Ende letzten Jahres gab es eine Idee, die der Eigentümer im Januar vorgetragen hat. Nämlich, dass man über den Bau-Turbo in einem bestimmten Teil Wohnen, vorab genehmigen könnte. Und das würde ihm helfen, das Verfahren weiterzuführen. Darauf sind wir eingegangen, haben mit Juristen und dem Senat zusammen ein Vertragswerk entwickelt. Einen Vorschlag gemacht, der zunächst angenommen wurde, aber in der Präzisierung verworfen wurde seitens des Eigentümers."
Für Marcel Weber, Vorstandsvorsitzender der Clubcommission Berlin, ist diese Entwicklung wenig nachvollziehbar: "Wir glauben weiter daran, dass Entwicklung und Clubkultur zusammengehen. Das ist kein Wunschdenken, das war vereinbart. Umso unverständlicher ist, dass ein Ziel, hinter dem alle standen, jetzt zu scheitern droht. Berlin kann das besser."
Aber was genau kann Berlin jetzt tun? Vor dem Büro der Kurth-Gruppe am Kudamm fand am 24. Juni mit Redebeiträgen und Konzerten eine erneute Demo zum Erhalt des historischen RAW Geländes statt. Die am 17. Juni gestartete Petition Räumung stoppen, Kulturstandort RAW-Gelände erhalten haben mittlerweile über 22.000 Menschen unterschrieben. Bereits im Frühling startete die RAW Kultur L e.G. unterstützt von der Clubcommission Berlin die Kampagne um "die immense gesellschaftliche und kulturelle Relevanz des RAW-Geländes an der Revaler Straße sichtbar zu machen".
Wie fruchtbar diese Bemühungen um Aufmerksamkeit und Teilhabe sind, wird sich zeigen. Denn die Geschehnisse rund um das RAW-Gelände sind kein Einzelfall. Das Clubsterben beschäftigt die Szene in Berlin schon seit einigen Jahren.
In der Interview-Reihe BERLINER CLUBSTERBEN sprechen Akteur:innen der Clubszene, wie Clubbetreibenden, Personen aus Verbänden und Initiativen sowie Politker:innen. Nach dem ersten Dreh im Januar/Februar 2020 hat uns interessiert, was sich seither und vor allem nach der Pandemie getan hat. Daher ging es im Herbst 2024 erneut in einige Clubs, Kunst-Spaces, Büros und ins Abgeordnetenhaus.
Zu Wort kommen Marcel Weber von der Clubcommission, Niklas Schenker, Clubpolitischer Sprecher der Linken, und Julian Schwarze, Sprecher für Clubkultur von Bündnis 90/Die Grünen, Sozialarbeiterin Frida, Wolle von den B.L.O. Ateliers, Katharina Wolf von Clubtopia und Florian Falkenhagen vom Cassiopeia.
Die Reihe betrachtet den Status Quo der Clublandschaft Berlins, städtebauliche Entwicklungen und Förderungen, faires Feiern, lost Safer Spaces und Perspektiven in der Club-Landschaft und gibt einen Einblick in die kulturelle Szene, für die Berlin weltweit bekannt ist und geliebt wird. Alle Folgen sind jederzeit on demand in unserer Mediathek, dem ALEX Kosmos, und auf YouTube verfügbar.
Wie lange diese Szene noch aktiv Teil der Hauptstadt bleiben wird, ist fraglich. In den letzten Jahren mussten nicht nur kleinere Musikorte, sondern auch weltweit bekannte Kulturstätten schließen: Knaack, Magnet, Watergate, Mensch Meier, SchwuZ, Rosis, Musik und Frieden, K17, Lovelite, Kirche von Unten sind nur einige von ihnen.
Insbesondere Friedrichshain-Kreuzberg trifft es hart, was fast schon ironisch anmutet, ist der Stadtteil doch gerade wegen seines bunten Nachtlebens bei Berliner:innen und Touris besonders beliebt. Freitag Trash & Metal im Kasi, Samtag Indieparty im MuF und Sonntag After Hour im Watergate? Was für tanz-erfahrene Millenials nach einem normalen Wochenende in ihren 20ern klingt, ist heute nur noch Utopie mit Spreegeruch. Während es in den 2000ern und 2010er Jahren noch eine große Auswahl an alternativen Clubs, Partys und kleineren Konzertlocations gab, ist die Zahl mittlerweile sehr überschaubar und das Angebot weniger vielfältig.
Fällt das RAW-Gelände den Bebauungsplänen der Kurth-Gruppe zum Opfer, schrumpft dieses Angebot massiv. Neben dem Cassiopeia und der Skatehalle sind auch Crack Bellmer, Weißer Hase und Lokschuppen betroffen. Und auch der Rest des RAW Geländes ist zwar aktuell nicht konkret bedroht, aber realistisch gesehen auch nichts, auf dessen Bestehen man sich verlassen sollte – denn wer will schon noch Nachtleben auf einem Gelände, wenn direkt daneben erst einmal cleane Büros und schicken Eigentumswohnungen stehen?
Was bleibt also von Berlin, ohne Clubkultur? Florian Falkenhagen blickte im Interview im Herbst 2024 dystopisch auf eine Stadt, der urbane Orte für gemeinsame Erlebnisse, Miteinander und interkulturellen Austausch fehlen: "Dann wären wir eine ruhige, langweilige Metropole, wie so viele anderen Metropolen. Wir haben einen coolen Zoo, wir haben bisschen Museum, bisschen Theater, das ist richtig toll, aber jeder macht das nur noch für sich. Es ist kein Miteinander mehr, man hat nichts mehr, worüber man erzählt, weil man es nur selber erlebt hat und kein anderer. […] Das wäre kaltes Glas-Fassaden Berlin." Und davon gibt es in der Stadt ja eigentlich schon genug.
Text: Hanna Körner & Lisa Slaby, Bilder: Lisa Slaby
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