28. Juni 1969 – Stonewall Inn. Draußen fliegen Steine und Flaschen in Richtung Polizei. Drinnen verschanzte Beamte, die um ihr Leben fürchten. Aus einer Razzia einer New Yorker Bar wird über Nacht ein Symbol für den Widerstand gegen die Diskriminierung von Homosexuellen.
Die Christopher Street wird zum Schauplatz der Geschichte. Heute, 50 Jahre später, hat sich vieles verändert und dennoch lohnt es sich für mehr Gleichstellung zu demonstrieren.
Der Christopher Street Day (CSD) fand ursprünglich statt, um an das erste bekannte Aufbäumen Homosexueller gegen Polizeiwillkür zu erinnern. Es ist zu einer internationalen Tradition geworden, die Proteste in Form einer Demonstration zu zelebrieren. Schon lange laufen und tanzen nicht nur Menschen mit, die von Diskriminierung betroffen sind, sondern auch viele die das Privileg haben es nicht zu sein. Menschen die einerseits sich selbst feiern, aber auch besagter Diskriminierung entgegenstellen. Ganz im Sinne derer, die sich vor 50 Jahren mit viel Courage zur Wehr gesetzt haben.
Weil Jubiläen sich immer so schön feiern lassen, zieht die diesjährige Veranstaltung am 27.07.2019 mit dem Motto „Stonewall 50 – Every riot starts with your voice“ durch die Straßen Berlins. Stonewall, ein Wort als Synonym für den damaligen Aufstand. Nur im deutschsprachigen Raum hat sich der Name Christopher Street Day etabliert. Der Rest der Welt sagt Gay Pride.
Stellvertretend für die vielen Aktivist*innen, die sich über Jahrhunderte in individueller Art und Weise für die Rechte Homosexueller, Bisexuellen, Trans*, Inter* und anderen queerer Menschen eingesetzt haben, wählen die Veranstalter des CSD’s 2019 fünf Persönlichkeiten aus, deren Grafiken das Logo schmücken.
Den Zuschauer erwartet jedes Jahr ein glitzerndes, buntes, schillerndes, oder auch mal weniger farbenfroh in Leder an der Leine, begeistertes Partyvolk. Doch es geht beim CSD nicht nur darum tolerant und vielfältig zu sein. Arbeitsgruppen arbeiten und formulieren zu jeder Demonstration zentrale Forderungen aus. Diese umfassen internationale, nationale und regionale Themen. die Veranstalter*innen fordern
2019 sind die internationalen Ziele etwas utopisch, wenn beispielsweise die „Zerstörung des Patriarchats“ gefordert wird. Die regionalen Absichten sind nach der Erfahrung der vergangenen Jahre realistischer: Die Organisator*innen des CSD’s forderten zum Beispiel 2018 den Berliner Senat auf „seine Städtepartnerschaften dazu [zu] nutzen, öffentlich wahrnehmbar für die LSBTTIQ*-Rechte in anderen Ländern Position zu beziehen.“ Und auch wenn der Berliner Bürgermeister Michael Müller nicht dafür bekannt ist mit Regenbogenflagge durch Tokio, Warschau oder Buenos Aires zu laufen, in den Städtepartnerschaftsprojekten diesen Jahres gibt es mit der argentinischen Hauptstadt einen Austausch über Trans*-Kultur. Ein zusätzliches Projekt ist die Queering Memory ALMS Conference, die in Berlin mit Partnerstädten durchgeführt wurde.
Außerdem schreibt die Berliner Regierung in ihrer Koalitionsvereinbarung „Die Koalition wird die Interessen von LSBTTIQ* auch international unterstützen und dazu insbesondere die Kontakte zu Berlins Partnerstädten nutzen und, wo notwendig, auch in kritischen Dialog mit ihnen treten.“. Wenn man bedenkt, dass es 2018 kein Städtepartnerprojekt zum Thema LSBTTIQ* gab, 2019 aber gleich zwei, kann man eine positive Entwicklung feststellen.

Ob das auch für die diesjährige Forderung nach einem Wohn-und Kulturzentrum für Lesben aller Generationen gilt, wird sich zeigen. In dem Projekt vom Verband „RUT-Rad und Tat“ geht es darum, dass die Bewohnerinnen vor Diskriminierung geschützt in einer Gemeinschaft leben. Im Alter und in Krankheit oder bei Behinderung können sie dann auf die Solidarität ihrer Mitbewohnerinnen setzen. Dem Verband fehlen vor allem finanzielle Mittel für die Realisierung.
Laut der Community fehlt ebenso ein Verbot von geschlechtszuweisenden Operationen an Kindern. Menschenrechtsorganisationen, politische Parteien und Betroffene fordern seit langem ein Gesetz welches es untersagt, Kinder mit sowohl weiblichen als auch mit männlichen Genitalien per Operation auf ein Geschlecht festzulegen. Für viele ist der Eingriff ein Verstoß gegen das Recht auf Unversehrtheit des nicht mündigen Kindes. Obwohl die Gesellschaft dem Thema langsam mehr Aufmerksamkeit schenkt, die Anzahl der OP’s geht laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum nicht zurück. Die Tatsache, dass die medizinische Leitlinie von rein kosmetischen Operationen abrät scheint noch nichts bewirkt zu haben.
Die ehemalige Justizministerin Katarina Barley (SPD) sprach sich für ein Verbot aus und ließ dies auch so im Koalitionsvertrag 2018 vermerken. Ein Gesetz gibt es aber noch nicht. Auf Anfrage von ALEX Berlin, unterstreicht das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz (BMJV), die Aufnahme in den Koalitionsvertrags spreche dafür, wie ernst die Bundesregierung das Thema nehme.
Ein Referentenentwurf (ein von der Bundesregierung noch nicht abgesegneter Gesetzesentwurf), soll die Vorgaben aus der Vereinbarung der GroKo erfüllen. Das BMJV deutete an, dass das Erlassen eines Verbots unter „ Betroffenen, Betroffenenvertretern und Beratern sowie […] Experten/-innen aus Medizin, Rechtswissenschaften, Psychologie und Genderforschung“ grundsätzlich Konsense finde, die Ausarbeitung aber Debatten hervorrufe.
Offenkundig wurde eine zentrale Forderung des CSD’s 2018 gehört und es gibt eine konkrete Reaktion. Etwas Geduld ist aber nötig, denn ein Gesetz zum Thema geschlechtszuweisende Operationen an Kindern wird wohl noch etwas auf sich warten lassen.
Diese Stichprobe zeigt, die Forderungen, die mit dem jährlichen CSD einhergehen, sind keine Worthülsen, sondern durchaus der Wille, Veränderung herbeizuführen. Klar ist aber auch, dass keine Forderung Gehör findet, die nicht von der Gesellschaft mitgetragen wird. Die Politik kann und muss Rahmenbedingungen schaffen. Wenn der CSD die Menschen erreicht und mitnimmt haben die politischen Vorstellungen der Veranstalter*innen bessere Aussichten auf Erfolg. 600.000 Teilnehmer*innen 2018 sprechen hier für sich.

Egal ob die Forderungen eins zu eins umgesetzt werden oder nicht, der CSD legt den Finger in die Wunde, er provoziert mit viel Extravaganz die, die Toleranz als kein positives Wort wahrnehmen. Er zeigt, politische Forderungen können auch mit Hilfe einer Party vorangetrieben werden. Ein Grund zu feiern.
*Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transsexuell, Transgender, Intersexuell und Queer.
Text: Nele Bethsold /Fotos: Julius Sumit Becher
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