Authentizität oder Projektion? Der Wilde Westen in Brandenburg

Jedes Jahr wird in Deutschland der Wilde Westen zum Leben erweckt – mit Cowboys, Shows und Westernstädten. Doch zwischen Faszination, Inszenierung und historischen Bildern stellt sich eine zentrale Frage: Wie authentisch ist das alles eigentlich? Ein Blick nach Templin zeigt, wie nah Bewunderung und Projektion beieinander liegen.

 

Menschenmenge steht unter Balkon. Auf Balkon stehen Native Americans und Moderator des Native American Treffens

*redaktionelle Anmerkung: Der Begriff „Indianer“ wird in dem Artikel nur dann benutzt, wenn er zitiert wird. Er ist eine Fremdbezeichnung und entstand im kolonialen Kontext. Die Verwendung des Wortes wird kontrovers diskutiert und deshalb in diesem Text an den entsprechenden Stellen in Anführungszeichen verwendet. Mehr Infos

Donnernde Hufe fliegen über eine sandbedeckte Straße. In den Riemen der Pferde sind Lederstiefel eingespannt, die zu einem ernst dreinschauenden Mann gehören. Auf seinem Kopf sitzt ein handgefertigter Cowboy Hut. Sein Blick ist starr auf einen Räuber gerichtet, den er jeden Moment mit seinem Lasso einfängt. Eine halbe Stunde später tanzen auf derselben Straße eine Gruppe von Native Americans in Mokassins und Federschmuck. Wummernde Trommeln begleiten ihre Performance und die darumstehenden Menschen staunen über das Geschehen.
Das alles passierte nicht vor Jahrhunderten auf den Nordamerikanischen Plains, sondern findet jedes Jahr in Wild West Shows überall in Deutschland statt.

Egal ob in kleinen Vereinen oder auf riesigen Anlagen: Deutsche sind fasziniert vom Wilden Westen. Konkrete Zahlen sind schwer einzuordnen: der Dachverband Westernbund e.V. gibt 57 Mitgliedsvereine an. Zahlen von privat-geführten Websites gehen bis in die Hunderte. Die größte Zurschaustellung dieser Passion findet in sogenannten Westernstädten statt. Pullmann City Harz bietet beispielsweise auf 200.000 Quadratmetern verschiedenste Arten von Unterhaltung an.

Holztor in Sandboden. Oben drüber hängt das Plakat von El Dorado Templin
Das Tor zur Westernstadt | Foto: Briana Ekanem (dw euromaxx)

Etwas kleiner, dafür genauso viel Angebot: Die Westernstadt El Dorado in Templin, Brandenburg. Ganze Schulklassen können Klassenfahrten und „Abenteuer wie im Wilden Westen“ erleben, wie sie auf ihrer Website schreiben. Bis zu fünf Tage kommen sie dann auf dem großflächigen Gelände unter und können unter Anderem ein „Meet & Greet mit den Native Americans“ dazubuchen.
Dieses Jahr feiert die Westernstadt ihr 20-jähriges Jubiläum und veranstaltet im August eine Überraschungsfeier.
Davor stand jedoch noch etwas anderes an: „Das große Indianertreffen“. Geworben wurde damit, dass es sich dabei um die größte Veranstaltung dieser Art innerhalb Europas handle. Die Debatte rund um die politische Korrektheit des Wortes wird nicht erwähnt.
Insgesamt sieben Tage lang stand in Templin alles im Zeichen von Native Americans: von Tanz- und Gesangs Performances, bis hin zum Präsentieren von traditioneller Handarbeitskunst. El Dorado Templin setzte auf Authentizität: Sie haben 17 Native Americans aus Nordamerika eingeflogen und möchten einen respektvollen Umgang wahren: „es ist eine tiefe Verbeugung vor einer faszinierenden Kultur“, wie es auf der Veranstaltungsseite heißt. Aber ist es so?

Die Ursprünge der Wild West Shows in Deutschland

Der Amerikaner William Frederick Cody (18461917), besser bekannt als „Buffalo Bill“, war 1890 das erste Mal mit seiner Wild West Show in Deutschland. Seinen Namen bekam er in der Zeit nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Er soll innerhalb eines Jahres über 4.000 Büffel getötet haben, um die Bauarbeiter:innen für eine neue Zugstrecke nähren zu können – eine der wichtigsten Nahrungs- und Identitätsgrundlagen der dort lebenden Plains Native Americans. Im Sommer 1890 trat Cody mit 200 Native Americans am Kurfürstendamm in Berlin auf. Laut Berliner Zeitung kamen insgesamt 60.000 Berliner:innen, um sich das Spektakel anzuschauen.
Auch Buffalo Bill wollte mit Authentizität überzeugen. Berühmte Schlachten wie die um Little Bighorn wurden reinszeniert: Leute sollten Geschichten von und mit Charakteren sehen, die die Sachen wirklich erlebt hatten.

June Tomiak ist beides: Indigen und Deutsch. Ihre Großmutter ist Algonquin Anishinaabe (Indigene Kanadas) und wanderte nach Deutschland aus, wo June aufgewachsen ist. Anfang 2026 beendete sie ihren Bachelor in Nordamerika Studien und beschäftigte sich in ihrer Abschlussarbeit mit der gleichzeitigen Dauerpräsenz und Unsichtbarmachung von Indigener Darstellung in der deutschen Popkultur. Die Nordamerikanistin sieht Buffalo Bills Wild West Show kritisch: „Aus den historischen Quellen wird sehr deutlich, dass beispielsweise der Casting-Prozess für die darstellenden Native Americans nicht auf Authentizität, sondern auf Stereotype ausgerichtet war. Es wurden die Menschen ausgewählt, die am besten in das romantisierte Bild des Wilden Edlen passten.“

Drei Jahre nach Buffalo Bills Show in Berlin veröffentlichte ein gewisser Karl May den ersten Titel mit einem seiner wichtigsten Protagonisten: Winnetou der Rote Gentleman.
Er wird im Laufe des nächsten Jahrhunderts zu einem der größten deutschen Autoren, mit einer Gesamtauflage von circa 200 Millionen, so das Karl-May-Museum Radebeul-Dresden. May gab sich als Abenteurer aus, der über seine Erlebnisse schrieb. Er inszenierte sich unter anderem selbst als Old Shatterhand, obwohl er erst 1908 das erste Mal amerikanischen Boden betrat – die Plains, in der die Heldengeschichten von Winnetou stattfanden, sah er nie.

Eine (un)schuldige Leidenschaft?

Nicht nur Albert Einstein war ein großer Karl May Fan, Adolf Hitler war es ebenfalls.
Der Forscher Frank Usbeck nennt in einer Publikation vom Jahr 2013 zwei Hauptmotive der Nationalsozialist:innen, um den bereits existierenden Native American Hype weiter zu instrumentalisieren: Sie stellten die Deutschen als ein Indigenes Volk dar, das wie die Indigenen Nordamerikas ihre kulturelle Integrität und ihren Lebensraum vor äußeren Feinden verteidigen müssen. Ziel davon war, eine Anti-Alliierten Stimmung zu schüren und sie als aggressive Kolonialmächte zu porträtieren.
Zum Zweiten nutzten sie das romantisierte Image der „Edlen Wilden“ und ihre Naturverbundenheit, um ein mystisch verklärtes Verständnis von Natur zu propagieren. Figuren wie Karl Mays Winnetou galten als Vorbilder für Führung und militärische Tugend. Kinder wurden ermutigt im Wald „Indianer“ zu spielen, um eine Verbindung zu ihren eigenen tribalen Vorfahren aufzubauen.

„Ich glaube wenige Leute wissen das. Also Geschichtswissenschaftler:innen natürlich schon. Es gibt wissenschaftliche Einordnungen über dieses Narrativ. In medialen Diskursen zum Thema nehme ich diese Argumentation als wenig prominent wahr“, so June Tomiak.

Nach dem zweiten Weltkrieg spielte Schuld und Scham eine große Rolle in Deutschland: Die Gräueltaten des Nazi-Regimes sorgten auf deutscher Seite für den Verlust einer nationalen Identität und Stolz. Frank Usbeck bringt den Begriff des Kulturrecyclings ein: Es beschreibt das Aneignen anderer Kulturen, weil die Unzufriedenheit mit der eigenen Gesellschaft oder dem eigenen Leben zu groß wird. Auf Native Americans bezogen bedeutet es, dass Deutsche sie als „ideales Rollenvorbild“ nahmen, um ihr eigenes Leben aufzuwerten.

Viele Native Americans in traditioneller Kleidung stehen vor einer Western-Bank, in zwei Reihen
Native Americans verschiedener Nationen und Tribes performen in Templin zusammen | Foto: Briana Ekanem (dw euromaxx)

Zwischen Bühne und Wirklichkeit

Zurück in die Gegenwart: Heutzutage ist der Diskurs der kulturellen Aneignung präsenter und einige Veranstalter:innen möchten einen respektvolleren Umgang mit ihrer Leidenschaft finden. El Dorado Templin flog 17 Native Americans von Nordamerika ein und gab ihnen eine Plattform, sich selbst und ihre Kultur präsentieren zu können. Während den Veranstaltungstagen war ihr Social Media Auftritt mit Vorstellungsvideos, Performances und kurzen Redebeiträgen zum „Indianertreffen“ gefüllt.
Beispielsweise freut sich Lowery Begay von der Diné-Nation (Navajo) darüber, anderen Menschen ein besseres Verständnis über Indigenes Leben zeigen zu können.
Zwischen Indigenen Stimmen stellt sich der Moderator des Events vor: Ingo Schönhold der „seit 30 Jahren indianische Kulturveranstaltungen“ moderiert, wie er es in einem Reel sagt. Er ist seit seiner Kindheit von Native Americans fasziniert und wollte schon als kleiner Junge ein „Indianerfest“ sehen.

„Ich kann nicht für alle Indigenen Menschen sprechen aber ich persönlich finde Veranstalter:innen müssen sich die Frage stellen: Will ich davon profitieren? Was erhoffe ich mir daraus?“, so June Tomiak. „Es ist in Ordnung, wenn man mehr von der Kultur kennenlernen will, sollte aber romantisierte Sichtweisen reflektieren. Vor allem, wenn sich Menschen als Native Americans verkleiden, weil sie es cool finden. Sehr lange war es Indigenen Menschen nicht erlaubt ihre eigene Kultur auszuleben, viele sind an den Folgen der Unterdrückung gestorben.“

Native American Frau sitzt an Tisch und Lacht
Traditionelle Handarbeitskunst: Beading in der Westernstadt | Foto: Briana Ekanem (dw euromaxx)

Macht, Kultur und Verantwortung

Dr. Martin Lüthe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am John F. Kennedy Institut Berlins (FU Berlin) und lehrt seit 2013 den Kurs „Theorizing Culture(s)“. Dort beschäftigt er sich mit der Frage: „Was ist Kultur und wie entsteht ihre Bedeutung?“
Er erklärt den Unterschied zwischen Aneignung und Austausch so: „Im Zentrum befinden sich die Machtverhältnisse. Entscheidend ist wer, wieviel wirtschaftliche und politische Macht hat. Daran anknüpfend ist wichtig über Fragen von Sichtbarkeit zu sprechen. Es ist gut, wenn wir darüber Debatten führen und hinterfragen, was wir heutzutage als in Ordnung labeln und was nicht. Konkrete Schlussfolgerungen daraus zu ziehen ist dann ein sehr komplexer nächster Schritt.“

Aus kulturwissenschaftlicher Sicht findet er es nicht sinnvoll Wild West Shows als richtig oder falsch zu bewerten. Man müsse verstehen wollen, warum es funktioniert. Dr. Lüthe hat aber Verständnis, wenn der Diskurs eine andere Ebene einnimmt: „Man kann auch eine ethische Debatte führen, denn potenziell findet eine doppelte Ausbeutung statt: Die Erste war der Landraub mit einem Genozid, die Zweite, dass Weiße Menschen damit jetzt Geld verdienen.“

June Tomiak sieht das ähnlich: „Die Veranstalter:innen müssen sich selbst die Frage stellen, ob sie das machen sollten oder nicht. Sobald man sich daran bereichert und das damit verdiente Geld nicht in den Taschen der Menschen dieser Kultur landet, finde ich es nicht richtig.“

Das Ringen nach Authentizität war schon immer da. Historisch gesehen war immer übergeordnetes Ziel dabei: Egal ob bei Buffalo Bill, Karl May oder bei den Nazionalsozialist:innen. Die Kultur der Native Americans wurde genutzt, um etwas zu erreichen, das den Indigenen Menschen mit ihren Problemen nicht weiterhilft.
Die Veranstalter:innen von El Dorado Templin wurden nach einem Interview gefragt, um ihre Sichtweise einbringen zu können. Eine telefonische, sowie schriftliche Anfrage blieb unbeantwortet.
Ein einseitiges Verurteilen ist nicht sinnvoll. Die Kommentare von den dort auftretenden Indigenen Menschen zeigen, dass es durchaus positive Seiten gibt. Es kommt darauf an, wie solche Veranstaltungen organisiert werden. June Tomiak gibt Veranstaltenden abschließend mit: „Es sollten Indigene Menschen im Team sein, am besten in der Mehrheit. Vor allem muss auf aktuelle Themen hingewiesen werden. Es sind keine toten Kulturen, sie werden von Indigenen Menschen immer noch gelebt. Die Geschichte ist nicht abgeschlossen: Indigene Menschen gibt es weiterhin und es wird sie und die Kulturen auch in Zukunft geben.“

Text: EJ Summers, Fotos: Briana Ekanem (dw euromaxx)

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